Hygiene im Krankenhaus Praxis-Einblicke in das Hygiene-Konzept des Helios Klinikums Erfurt

Krankenhaushygiene gehört zu den Dauerthemen in deutschen Kliniken. Nicht nur beim Arzt-Patienten-Umgang, sondern auch bei Mitarbeitern in der Verwaltung und im Einkauf. Für den Abfallbeauftragten gibt es wichtige Schnittstellen zwischen fachgerechter, sicherer Entsorgung und den Anforderungen des Krankenhaushygiene-Beauftragten. Vor allem sollten zwei Aufgaben innerhalb der Zusammenarbeit gemeinsam erörtert und geplant werden: die Auswahl geeigneter Entsorgungsbehältnisse und der Arbeitsschutz beim Entsorgen von infektiösen und gefährlichen Abfällen. Wie das in der Praxis ablaufen kann und strenge Hygiene- und Desinfektionspläne innerhalb des Klinikalltags erfolgreich umgesetzt werden, erzählt uns Dr. Claudia Höpner im Interview. Sie ist die leitende Ärztin Krankenhaushygiene am Helios Klinikum Erfurt in Thüringen. Eines vorab: Für die Leitung der Helios-Gruppe bildet Transparenz die Grundlage für jede Verbesserung. Das Prinzip des offenen Umgangs mit Problemthemen ist in den Helios-Leitlinien fest verankert.

Immer noch infizieren sich über eine halbe Million Menschen jedes Jahr in deutschen Krankenhäusern mit nosokomialen Infektionen. Mehr als 30% könnten dabei allein durch korrekte Händedesinfektion vermieden werden. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene spricht sogar von jeder zweiten Infektion, die verhindert werden kann. Über drei Viertel der Krankenhäuser würden sich aber, so die medizinische Fachgesellschaft, an die Empfehlungen der Nationalen Krankenhaushygienekommission halten.

Als einziger Klinikträger in Deutschland veröffentlicht Helios halbjährlich die Erregerzahlen in seinen Kliniken im „HygieneEinBlick“ im Internet. Dargestellt sind die drei wichtigsten Keim-Gruppen MRSA (Methicillin resistenter Staphylococcus aureus), VRE (Vancomycin resistente Enterokokken) und MRGN (Multiresistente gramnegative Stäbchen). So lässt sich nachvollziehen, wie viele Patienten den jeweiligen Erreger in die Klinik bereits mitgebracht haben und wie viele Patienten ihn während ihres Klinikaufenthaltes erworben haben. Welche Leitlinien der private Träger zur Krankenhaushygiene vorgibt und wie diese genau umgesetzt werden, beleuchten wir am Beispiel der Helios Klinik Erfurt.

Interview mit Dr. Claudia Höpner, leitende Ärztin Krankenhaushygiene Helios Klinikum Erfurt

Zur Person:

  • Studium der Human- und Zahnmedizin
  • Fachärztin für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
  • seit 2001 als Ärztin im Helios Klinikum Erfurt beschäftigt
  • ab 2010 curriculare Weiterbildung Krankenhaushygiene nach den Richtlinien der Bundesärztekammer
  • seit 2011 in Vollzeit in der Krankenhaushygiene tätig

Seit 2012 veröffentlichen die Helios Kliniken halbjährlich Zahlen für das Vorkommen von multiresistenten und infektionsrelevanten Erregern. Sie gehen mit dem Thema sehr transparent und kritisch um. Damit ist Helios anderen Krankenhausträgern einen Schritt voraus, hat Vorbildcharakter. Denken Sie, dass auch in anderen Einrichtungen ein „Umdenken“ hinsichtlich der eigenen Selbstüberwachung stattfindet?

Dr. Claudia Höpner: Die Datenerfassung erfolgt schon sehr viel länger als seit 2012. Viele Krankenhäuser übermitteln ihre Daten zu nosokomialen Infektionen an das Nationale Referenzzentrum (NRZ) für Surveillance nosokomialer Infektionen an der Berliner Charité. Die Zahl der teilnehmenden Krankenhäuser steigt. Immer mehr Kliniken sind darüber hinaus auch bereit, diese Zahlen zu veröffentlichen – die Helios Kliniken gehörten zu den Ersten. Wir denken, dass das der richtige Weg ist, deswegen veröffentlichen wir auch unsere. Vom NRZ werden zudem auf Grundlage der Daten der vielen teilnehmenden Krankenhäuser sogenannte Referenzwerte ermittelt. Damit ist ein Vergleich der teilnehmenden Häuser auf nationaler Ebene möglich.

Gibt es auch den regen Austausch mit anderen Krankenhaushygienikern und Hygienefachkräften innerhalb des Unternehmens Helios?

Dr. Claudia Höpner: Absolut. Das Team ist im Laufe der letzten Jahre sehr viel größer geworden. Mittlerweile sind bei Helios 31 Krankenhaushygieniker und weit über 200 Hygiene-Fachkräfte tätig. Wir Krankenhaushygieniker stimmen uns in internen Runden zu krankenhaushygienischen Themen ab. Zusätzlich haben wir bei Helios Fachgruppen, u.a. die Fachgruppe „Klinische Hygiene und Infektiologie“, in der alle Krankenhaushygieniker vertreten sind. Darüber hinaus entsenden wir jeweils einen Vertreter in die klinischen Fachgruppen, also z.B. zur Chirurgie oder Kardiologie. So stehen wir im direkten Kontakt und können uns zu Hygiene-Themen austauschen. Außerdem vergleichen wir ständig unsere erhobenen Daten untereinander.

Wo verstecken sich Ihrer Meinung nach die Risiken für Krankenhauskeime im Patientenalltag?

Dr. Claudia Höpner: Grundsätzlich trägt jeder Mensch an und in sich Erreger. Die sogenannten Krankenhauskeime meinen in der Regel die multiresistenten Erreger. Bei Hygiene- und Präventionsmaßnahmen geht es grundsätzlich um alle Erreger, unabhängig davon, ob sie resistent sind oder nicht. Der Fokus liegt immer auf unseren Händen und auf den Gegenständen, die wir mit unseren Händen berühren. Das ist der maßgebliche Weg der Erregerübertragung. Insofern tragen wir das Risiko also an unseren Händen.

In Deutschland gibt es allgemeine Hygiene-Richtlinien, z.B. eine vom Gesetzgeber bestimmte Anzahl von Hygienepersonal, Meldepflichten und Kontrollmechanismen. Für den Anspruch bei Helios scheint das aber nicht ausreichend. Was genau beinhaltet das Konzept der Helios Kliniken darüber hinaus?

Dr. Claudia Höpner: Unsere Hygiene-Richtlinien sind ein gesamtheitliches Helios-Konzept. Wir in Erfurt sind als eine der Helios-Kliniken an der Umsetzung beteiligt. Inhaltlich vereint das Konzept Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes, des Robert Koch Institutes (RKI) und auch der Thüringer Hygiene-Verordnung, gepaart mit einem Leitfaden für die interne Umsetzung dieser rechtlichen Rahmenbedingungen. Darüber hinaus erfassen wir in der Helios-Gruppe mehr Erreger als vorgeschrieben. Die Größe des Unternehmens ermöglicht es uns, den ständigen internen Vergleich zu führen, auch bei Erregern, für die es keine Referenzwerte vom Nationalen Referenzzentrum gibt. Und wenn wir Unterschiede erkennen, dann agieren wir nach dem Prinzip „vom Besten lernen“, schauen uns die erfolgreicheren Häuser an und übernehmen wertvolle Entwicklungen.

Die Helios-Konzernregelung Hygiene gilt verbindlich für alle Mitarbeiter in allen Kliniken. Sie schreibt unter anderem die Händedesinfektion für Ärzte, Pflege- und medizinisches Personal vor. Können Sie uns im Detail erzählen, was Sie persönlich von Ärzten und Pflegepersonal erwarten?

Dr. Claudia Höpner: Die Indikationen der Händedesinfektion sind von der WHO klar definiert. Neben der Händedesinfektion vor und nach Patientenkontakt gehört natürlich eine Händedesinfektion vor aseptischen Tätigkeiten, also z.B. Manipulation an Gefäßkathetern, genauso dazu wie nach Kontakt mit potentiell infektiösem Material. Die Händehygiene ist die wesentliche Säule der Infektionsprävention, aber auch ein essentieller Bestandteil des Arbeitsschutzes. Was tun wir als Verantwortliche dafür? Wir schulen unsere Mitarbeiter monatlich und bieten darüber hinaus noch spezielle Veranstaltungen an. Themen sind u.a. der Umgang mit besonderen Erregern oder bestimmte nosokomiale Infektionen, z.B. katheterassoziierte Harnwegsinfekte. Wir führen Trainings zur Händedesinfektion mit Erfolgskontrolle unter der UV-Lampe durch. Wir hospitieren in den Fachbereichen, überprüfen die Compliance der Händedesinfektion und werten die Ergebnisse mit den Fachbereichen aus. In Zusammenarbeit mit den Anwendern bemühen wir uns fortwährend um eine adäquate Ausstattung mit Desinfektionsmittelspendern. Wir haben in Erfurt z.B. die Bettplatzausstattung zusätzlich eingeführt. Sie sehen, wir arbeiten stetig am Fokus Händedesinfektion.

Wie schaffen Sie es, alle zu motivieren, die Leitlinien mit Ihnen umzusetzen? Wie kommunizieren Sie Ihre Herangehensweise innerhalb des Krankenhauses? Wie reagieren die Ärzte und Mitarbeiter darauf?

Dr. Claudia Höpner: Um andere zu motivieren, ist es natürlich erst einmal wichtig, dass ich selbst eine hohe Motivation für das Thema habe, und die erschließt sich für mich aus Wichtigkeit der Infektionsprävention. Aber natürlich sind auch die Fortschritte, die wir in den letzten Jahren erzielt haben, ausgesprochen motivierend. Krankenhaushygiene ist Teamarbeit, das Kommunizieren mit den Fachkräften. Die Hygiene-Fachkräfte haben neben ihrer pflegerischen Ausbildung und meist langjähriger Berufserfahrung eine zweijährige Zusatzausbildung absolviert und damit besondere Qualifikationen erworben. Mehr als früher kommen unsere Ansprechpartner auf uns zu und beziehen uns in die gemeinsame Gestaltung der Hygiene hier bei uns im Haus mit ein.

Auf was könnten Ihrer Meinung nach, Abfallbeauftragte innerhalb einer Klinik achten, um Hygiene sicherer zu gestalten?

Dr. Claudia Höpner: Da sprechen Sie zwei Aspekte an. Einerseits die Infektionsprävention als Aufgabe der Hygiene und andererseits das Thema Arbeitssicherheit. Wir arbeiten eng mit dem Abfallbeauftragten zusammen. Hier geht es z.B. um die Auswahl geeigneter Entsorgungsbehältnisse, z.B. für die sogenannten Sharps, alle spitzen, pickenden, stechenden Gegenstände, aber auch um die Auswahl von Abfallsäcken bzw. deren Halterung, die handfrei bedienbar sein sollen und die sowohl der Hygiene als auch dem Arbeitsschutz dienlich sind.

Ein Mangel an Personal führt auch zur Risikoerhöhung für Infektionen, da zu wenig Zeit ist, die empfohlene Desinfektionszeit einzuhalten. Haben Sie innerhalb Ihres Konzepts die Personalsituation ebenfalls im Blick?

Dr. Claudia Höpner: Strikte Personalzahlen allein halte ich nicht für zielführend. Wichtig ist an dieser Stelle, nicht nur Personalzahlen zu beleuchten, sondern auch die Prozesse und wie wir diese optimieren können. Eine adäquate Personalausstattung im ärztlichen Dienst und auch im Pflegedienst hat die Klinikgeschäftsführung im Blick. Aus Hygiene-Sicht sind wir in Erfurt mit 8 Hygienefachkräften unter meiner ärztlichen Leitung adäquat ausgestattet und werden noch verstärkt durch 67 hygienebeauftragte Pflegekräfte und 26 hygienebeauftragte Ärzte. Sie sind Ansprechpartner und Multiplikatoren in den Fachbereichen. Seit 2016 haben wir zusätzlich ein sogenanntes Antibiotic-Stewardship-Team bei uns an der Klinik implementiert, in dem auch ich Mitglied bin. Dieses Team berät die Ärzte hinsichtlich Substanzauswahl, Dosierung, Applikationsart und Behandlungsdauer, also zum rationalen Einsatz von Antibiotika. Damit verbessern wir die Behandlungsqualität und – da sind wir wieder beim Thema Hygiene – durch einen adäquaten Einsatz von Antibiotika minimieren wir Resistenzentwicklungen und tragen insofern dazu bei, dass sich resistente Erreger nicht weiter ausbreiten.

Können Sie uns bereits von positiven Ergebnissen der letzten Jahre innerhalb Ihres Krankenhauses berichten, die auf eingeführte Standards zurückzuführen sind?

Dr. Claudia Höpner: Wir ermitteln den Händedesinfektionsmittelverbrauch und beziehen diesen auf die Patientenzahlen. Hier haben wir steigende Anwendungsraten. Auch im Gespräch mit den Mitarbeitern hat sich gezeigt, dass Hygiene als Thema immer vordergründiger wird. Die Akzeptanz nimmt zu – und auch das Wissen um die spezifischen Dinge. Die Standards werden in enger Zusammenarbeit zwischen Abfallbeauftragten, Arbeitssicherheit und Hygiene gestaltet. Im Ergebnis sind z.B. die Nadelstichverletzungen zurückgegangen. Wir haben zudem eine weitreichende Ausstattung mit Händedesinfektionsmittelspendern erreicht, die über das geforderte Maß hinausgeht. Wir sind immer auf der Suche nach Aufstellmöglichkeiten für Spender und rüsten nach. Außerdem bitten wir auch ganz aktiv um das Feedback unserer Patienten. Wir ermutigen sie, uns anzusprechen, wenn ihnen in Sachen Hygiene Unzulänglichkeiten auffallen. Und das findet durchaus auch statt.

Was würden Sie gern noch verbessern? Wo liegen derzeit Ihre Schwerpunkte?

Dr. Claudia Höpner: Der Fokus liegt auf der Optimierung der Händehygiene. Das wird aus meiner Sicht immer ein aktuelles Thema bleiben. Des Weiteren sind wir permanent mit den Anwendern im Gespräch. Das wollen wir auch bleiben, um Verbesserungspotenziale zu identifizieren und praxisorientierte Lösungen zu gestalten. Ein Krankenhaus ist keine fixe Plattform. Es kommen ständig neue Medizinprodukte auf den Markt, neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Das erfordert eben auch, dass man beweglich bleibt, sich dem Neuen stellt und entsprechend gemeinsam mit den Anwendern praxisorientierte Lösungen entwickelt. Ich bin mit der Entwicklung in unserem Haus zufrieden. Ich bin aber auch sicher, dass wir Erreichtes in den kommenden Jahren ausbauen und pflegen müssen. Das ist eine Herausforderung, aber das ist ja auch das Schöne an meiner Arbeit.

Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg und danken Ihnen für das Interview.

Quellen