Interview mit Tim Bertsche Ökologisch nachhaltig pflegen

Mann in dunkler Kleid vorm hellen Hintergrund (Foto: Sven Bartz / Flashpoint Studio)
Wie kann es gelingen, Nachhaltigkeit und den Pflegealltag unter einen Hut zu bringen, wenn Zeit, Personal und Budget knapp sind? (Foto: Sven Bartz / Flashpoint Studio)

Den ressourcenintensiven Betrieb einer Pflegeeinrichtung aufrechterhalten und sich gleichzeitig nachhaltiger aufstellen – Alten- und Pflegeheimen sowie ambulanten Pflegediensten stehen herausfordernde Zeiten bevor. Wie kann es gelingen, diese beide Themen unter einen Hut zu bringen, wenn Zeit, Personal und Budget knapp sind? Tim Bertsche, Projektmitarbeiter der viamedica Stiftung für eine gesunde Medizin, beschäftigt sich genau mit dieser Frage: Mit dem Projekt ÖkonaPP – gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit – erarbeitet Bertsche gemeinsam mit seinem Team einen praxisnahen Leitfaden, der Pflegeeinrichtungen Schritt für Schritt zu mehr ökologischer Nachhaltigkeit führen soll, ohne dabei die wirtschaftliche Realität aus dem Blick zu verlieren.

Zur Person: Tim Bertsche

  • seit Januar 2025 Projektmitarbeiter der viamedica Stiftung für eine gesunde Medizin
  • Oktober 2021 – September 2024 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Freiburg
  • 2019 – 2020 Masterstudium im Bereich Angewandte Gesundheitsförderung an der Hochschule Furtwangen
  • 2015 – 2019 Bachelorstudium im Bereich Angewandte Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Furtwangen

Herr Bertsche, Sie beschäftigen sich in Ihrem Projekt ÖkonaPP mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Pflege. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern einen Einblick in das Projekt geben?

Tim Bertsche: ÖkonaPP steht für „Ökologisch nachhaltiges Praxiskonzept für teilstationäre und stationäre Pflegeeinrichtungen“. Es baut auf dem Gutachten „REKLIMAMED“  auf, das wir vor einiger Zeit im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit erstellt haben. Im Mittelpunkt des Projektes stand dabei die Frage: Wie nachhaltig ist das Gesundheitswesen eigentlich? Unser Ergebnis: Es gibt durchaus engagierte Einrichtungen, die in vielen Abteilungen bereits nachhaltige und ressourcenschonende Maßnahmen umsetzen. Eine Priorisierung in der gesamten Branche fehlt aber noch. Genau an diesem Punkt wollen wir mit ÖkonaPP ansetzen: Dafür entwickeln wir aktuell einen Leitfaden, der Pflegeeinrichtungen praktische Ratschläge an die Hand geben soll. Dabei denken wir ökologische und wirtschaftliche Fragen immer zusammen.

Wie sind Sie im Projekt und bei der Entwicklung des Leitfadens konkret vorgegangen – und was haben Sie dabei von den Einrichtungen gelernt?

Tim Bertsche: Unser erster Schritt war eine Bestandsaufnahme. Wir haben uns mit verschiedenen Einrichtungen in ganz Deutschland zusammengesetzt und nachgefragt, ob und welche ressourcenschonenden Maßnahmen bereits umgesetzt werden. Hier sprachen wir auch mit Pflegeeinrichtungen, die noch ganz am Anfang standen. Aktuell fassen wir in einem Leitfaden ökologische und wirtschaftliche Vorteile zusammen und listen praxisnahe Beispiele zur Abfallentsorgung, zum Gebäude- und Flächenmanagement, Mobilität, nachhaltigen Versorgung sowie zu weiteren Bereichen auf. Innerhalb dieser Themen unterscheiden wir zwischen Maßnahmen, die sich sofort umsetzen lassen, mittelfristig greifen oder langfristig wirken. Unsere Idee dahinter ist: Wir wollen Einrichtungen mit einem praxisnahen Leitfaden unterstützen, der eine wirkliche Schritt-für-Schritt-Anleitung sein kann. Auch wenn das Projekt noch bis Oktober 2026 laufen wird, haben wir kürzlich eine Förderübersicht veröffentlicht, die alle relevanten Programme für Pflegeeinrichtungen zusammenfasst, sowie eine Orientierungshilfe zur Zertifizierungen nachhaltiger Normen und Managementsysteme für Pflegeeinrichtung, nachhaltige Produktsiegel sowie Beratungsangebote.

Nachhaltig pflegen ohne große Investitionen

Sie betonen im Projekt die Bedeutung verhaltensorientierter Maßnahmen. Was bedeutet das konkret und warum eignen sich gerade diese Maßnahmen besonders gut für den Einstieg?

Tim Bertsche: Nachhaltigkeit sei von Beginn an etwas Großes und Aufwendiges – dieser Irrglaube ist in vielen Pflegeeinrichtungen immer noch sehr präsent. Vorreitereinrichtungen zeigen aber, dass das Gegenteil der Fall ist: Es geht darum, einfach anzufangen, und da sind verhaltensorientierte Maßnahmen ideal, weil sie ohne große Investitionen funktionieren. Richtiges Lüften zum Beispiel – klingt banal, wird aber erstaunlich oft falsch gemacht. Oder nachhaltige Ernährung: Man kann alternative Angebote einführen oder den Fleischanteil reduzieren, ohne auf kompletten Verzicht zu setzen. Auch der Umstieg von Flaschen- auf Leitungswasser kann einen Unterschied machen. Hinzu kommen Dinge wie Fahrgemeinschaften oder Sensibilisierungsworkshops. Wichtig ist: keine pauschalen Vorschriften machen, sondern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Nachdenken und Mitmachen anregen. Hier können Projekte wie Klimaretter – Lebensretter unterstützen und „Blockaden“ abbauen. Diese liefern konkrete Zahlen und zeigen, was sich wirklich einsparen lässt. Und wer dann mehr machen möchte, kann technische Maßnahmen wie Heizungsoptimierung oder Wärmepumpen ergänzend mit Förderprogrammen angehen.

Richtige Abfalltrennung, klare Zuständigkeiten

Wo sehen Sie im Alltag von Pflegeeinrichtungen besonders großes Potenzial?

Tim Bertsche: Ein vergleichsweise „einfacher“ Ansatzpunkt für verhaltensorientierte Maßnahmen: die Entsorgung. Hier lässt sich viel durch Sensibilisierung erreichen, beispielsweise durch regelmäßige Schulungen, in denen das Wissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Abfalltrennung und Recycling, aber auch zur Gefährlichkeit vieler Abfälle aus dem Gesundheitswesen regelmäßig aufgefrischt wird. Ein anderer Ansatz ist auch der sparsame Einsatz von Ressourcen wie von Einweghandschuhen oder anderen Einmalprodukten. Hier lohnt es sich für viele Einrichtungen auch, bereits aufbereitete Materialien zu nutzen wie die Kampagne Mit oder Ohne? – Handschuhe bewusst einsetzen zu nutzen.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Abteilungen einer Pflegeeinrichtung und wie gelingt es, Mitarbeitende für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren?

Tim Bertsche: Nachhaltigkeit betrifft viele Bereiche gleichzeitig, weshalb die Abteilungen einer Pflegeeinrichtung auch wirklich miteinander reden und zusammenarbeiten müssen. Wir empfehlen, klare Zuständigkeiten zu schaffen und Nachhaltigkeitsbeauftragte zu benennen. Denn nur wenn man den gesamten Prozess im Blick behält, lässt sich wirklich etwas verändern. Hier bieten sich auch gemeinsame Treffen zwischen verschiedenen Abteilungen, darunter das Abfallmanagement, Vertreterinnen und Vertreter aus dem Einkauf, der Pflege, Hauswirtschaft u. ä., an. Diese Gruppe sollte sich mit verschiedenen Maßnahmen – die sie auch in unserem neuen Leitfaden finden werden – auseinandersetzen, um aktiv Ressourcen einzusparen. Ein ganz wichtiger Punkt sind zudem konkrete Zahlen: Wenn Mitarbeitende sehen, was eine Maßnahme tatsächlich bewirken kann, sprich wie viele Tonnen Emissionen oder Kilogramm Abfälle eingespart werden können, steigt die Motivation deutlich. Außerdem lohnt es sich, mit dem Vorurteil aufzuräumen, welches immer noch in vielen Köpfen herrscht: Mülltrennung bringt sowieso nichts. Das stimmt einfach nicht – je früher richtig getrennt wird, desto besser funktioniert die gesamte Entsorgungskette. Wir konnten aber auch beobachten, dass sich Mitarbeitende in einigen Einrichtung aktiv für mehr Ressourcenschutz einsetzen, da diese beispielsweise auch in ihrem Privatleben sehr aktiv im Bereich Nachhaltigkeit sind. Diese Mitarbeitenden haben eine besonders hohe intrinsische Motivation, die sie mit konkreten Umsetzungsideen in die Einrichtung tragen können – davon können Einrichtungen ganz klar profitieren.

38 Prozent weniger Speiseabfälle

Gab es im Rahmen des Projekts besondere Erfolgsgeschichten, die zeigen, welches Potenzial in nachhaltigen Veränderungen steckt?

Tim Bertsche: Ein schönes Beispiel ist das Caritas Altenwohn- und Pflegeheim St. Vinzenz-Vorsterhausen: Hier wurden die Speiseplanung überarbeitet sowie die Größe der Portionen angepasst. Das führte dazu, dass die Speiseabfälle um bis zu 38 Prozent gesenkt werden konnten. In konkreten Zahlen heißt das: 18.715 kg weniger CO2, 5.951 eingesparte Badewannen Wasser sowie Ackerflächen von der Größe von 38 Tennisplätze, die nicht mehr benötigt wird. So hat die Caritas-Einrichtung aktiv ihre Ökobilanz und gleichzeitig die Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten verbessert. Das zeigt: Auch wer klein anfängt, kann Großes bewirken. Das ist vielen Einrichtungen oft nicht bewusst.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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