Interview mit Sophie Wald und Stefanie Brauer Hack-IT-NET: Projekt priorisiert Kreislaufwirtschaft im Krankenhaus

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Welche Rolle die Kreislaufwirtschaft dabei spielt, wo konkrete Einsparpotenziale liegen und warum sich der Blick auf gewachsene Prozesse lohnen kann, berichten Sophie Wald vom Klinikum Nürnberg und Stefanie Brauer von Bayern Innovativ im Interview. Beide begleiten HACK-IT-NET als deutsche Projektpartnerinnen. (Foto: Klinikum Nürnberg)

Die Alpenregion ist Heimat zahlreicher Innovationen für den Gesundheits- und Pflegebereich. Viele dieser Ideen sind für Akteure der Branche aufgrund begrenzter Ressourcen oder des fehlenden Wissensaustauschs jedoch nur schwer zugänglich. Das EU-geförderte Projekt HACK-IT-NET will bestehende Lösungen für die gesamte Alpenregion nutzbar machen, länderübergreifende Zusammenarbeit fördern, die Gesundheitsversorgung und Pflege verbessern sowie nachhaltige Entwicklungsziele unterstützen. Welche Rolle die Kreislaufwirtschaft dabei spielt, wo konkrete Einsparpotenziale liegen und warum sich der Blick auf gewachsene Prozesse lohnen kann, berichten Sophie Wald vom Klinikum Nürnberg und Stefanie Brauer von Bayern Innovativ im Interview. Beide begleiten HACK-IT-NET als deutsche Projektpartnerinnen.

Zur Person: Sophie Wald

  • seit September 2025 Dozentin für Planetary Health an der Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Nürnberg
  • seit März 2024 Nachhaltigkeitsmanagerin und Teamleitung Nachhaltige Organisationsentwicklung am Klinikum Nürnberg
  • seit November 2020 Unternehmensentwicklung und Projektmanagement am Klinikum Nürnberg
  • 2014 – 2015 Masterstudium im Bereich Health Economics, Policy and Law an der Erasmus University Rotterdam
  • 2010 – 2013 Bachelorstudium Governance and Public Policy an der Universität Passau

Zur Person: Stefanie Brauer

  • seit September 2023 Projektleitung bei der Bayern Innovativ GmbH
  • seit Oktober 2021 Lehrbeauftragte für Blue Engineering – sozial und ökologische Verantwortung für Technik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • 2019 – 2023 Projektmanagerin Medizintechnik bei Forum MedTech Pharma e. V.
  • 2015 – 2019 Masterstudium Biomedizinische Technik an der Technischen Universität Berlin (TU)
  • 2011 – 2016 Bachelorstudium Mechanical Engineering an der Technischen Universität Berlin (TU)

Frau Brauer, was verbirgt sich hinter dem sehr technisch klingenden Pilotprojekt HACK-IT-NET und warum ist es gerade für Abfallbeauftragte aus dem Gesundheitswesen relevant?

Stefanie Brauer: HACK-IT-NET ist ein europäisches Verbundprojekt, das durch das Programm Interreg Alpine Space finanziert wird. Neun verschiedene Organisationen aus sechs Ländern des Alpenraums – nach europäischer Definition zählt hierzu gesamt Bayern und somit auch Nürnberg – haben sich im Rahmen dieses Projektes zusammengeschlossen, um Innovationen in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu entwickeln – und zwar über Landes- und Sprachgrenzen hinweg. Unser Pilotprojekt ist gerade für Abfallbeauftragte aus dem Gesundheitswesen besonders interessant, da es sich konkret mit der Frage auseinandersetzt, wie sich Kreislaufwirtschaft unter Realbedingungen umsetzen lässt. Wir von Bayern Innovativ setzen gemeinsam mit unseren Projektpartnern – u. a. dem Klinikum Nürnberg und der Bayerischen Krankenhausgesellschaft – auf sehr praxisnahe Lösungen, nutzen Ideen der im Klinikum beteiligten Mitarbeitenden und kommen nicht mit vorgefertigten Maßnahmenkatalogen, die in der Einrichtung vielleicht gar nicht umsetzbar wären. Im Klinikum Nürnberg haben wir deshalb unter realen Bedingungen gemeinsam Ideen erarbeitet, nicht mit unbegrenztem Budget, sondern im laufenden Klinikbetrieb – mit all seinen regulatorischen und hygienischen Anforderungen.

HACK-IT-NET: Nachhaltige Ideen in der Praxis

Frau Wald, Sie sind im Klinikum Nürnberg Projektverantwortliche. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern erklären, wie das Projekt in Ihrer Einrichtung umgesetzt wurde?

Sophie Wald: Unterstützt von Bayern Innovativ haben wir – vor allem für die ausgewählten Testbereiche des Projektes, unseren OP, der Anästhesie sowie der Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte auf dem Campus Nord – viele ressourcenschonende Möglichkeiten etablieren können. In einem Haus mit mehr als 8.400 Mitarbeitenden kein selbstverständliches Vorgehen. Dafür haben wir eine interdisziplinäre Projektgruppe gebildet, die sich über neun Monate hinweg fünfmal, davon dreimal in Präsenz und zweimal online, zum Thema ausgetauscht hat. Im ersten Schritt haben wir Ideen gesammelt, wo die Kolleginnen und Kollegen Einsparpotenziale sehen, wo sie vielleicht auch bereits davon gelesen hatten und was sie sich für unsere Einrichtung vorstellen konnten. All diese Ideen haben wir bei unserem zweiten Treffen sortiert, diskutiert und priorisiert. So haben wir Maßnahmen gefunden, die für uns umsetzbar sind, aber auch Maßnahmen aussortiert. Diese Aufgaben haben alle Kolleginnen und Kollegen zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben übernommen. Deshalb haben wir versucht, den Aufwand so gering wie möglich zu halten. Was mich mit Projektabschluss besonders positiv überrascht hat: Wir haben nicht nur Ideen entwickelt, sondern konnten konkrete Erfolge vorstellen.

Stefanie Brauer: Die Bilanz am Projektende zeigt: Die Teammitglieder konnten sogar Maßnahmen umsetzen, die wir anfangs überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Im Laufe des Pilots haben manche Ideen eine Art Eigendynamik entwickelt, sodass sich mit einfachen Einsparungen oder neuen Produktentscheidungen weitere Möglichkeiten ergeben, den Ressourceneinsatz in den Testbereichen des Klinikum Nürnbergs zu reduzieren.

Sie sprachen davon, dass die Projektgruppe interdisziplinär aufgestellt sei. Welche Berufsgruppen waren hier konkret beteiligt und warum ist gerade diese breit gefächerte Zusammensetzung so entscheidend?

Sophie Wald: Für uns ist ganz klar: Das interdisziplinäre Team ist entscheidend für den Erfolg des gesamten Pilotprojektes gewesen. In unserem Team sind Mitarbeitende aus nahezu allen Bereichen, die Berührungspunkte zum OP haben, vertreten: OP- und Anästhesie-Pflege, Anästhesie-Oberärzte sowie Kolleginnen und Kollegen aus Klinikhygiene, Einkauf, Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte, Nachhaltigkeits- und Abfallmanagement.

Stefanie Brauer: Oft ist es so, dass Ideen nicht am Willen scheitern, sondern daran, dass die richtigen Personen nie gleichzeitig im Raum waren. Hier haben uns die Teammitglieder gespiegelt: Wenn wir davon wüssten, könnten wir Prozesse direkt, teilweise sehr unkompliziert anpassen, um beispielsweise Abfallmengen zu reduzieren – so entstehen oft einfache, aber sehr wirkungsvolle Lösungen für mehr Kreislaufwirtschaft.

Sophie Wald: Gerade im OP- und Anästhesiebereich sind die Kolleginnen und Kollegen ohnehin stark für das Thema Abfallentsorgung sensibilisiert, weil dort immer große Abfallmengen entstehen. Da braucht es weniger klassische Schulungen, sondern eher gute Vorbilder, Information und Kommunikation – so wurden alle Projektmitarbeitenden zu wirklichen Multiplikatoren.

Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen Bayern Innovativ und dem Klinikum Nürnberg gestaltet?

Sophie Wald: Das Pilotprojekt und vor allem die Unterstützung von Stefanie und ihrem Team waren und sind uns auch noch heute eine große Unterstützung. Gerade der Blick von außen hat dafür gesorgt, dass wir unsere Prozesse von einem ganz anderen Blickwinkel betrachten und bewerten konnten. Manchmal braucht es die Frage von Externen, warum Dinge beispielsweise so erledigt werden, um gewachsene Abläufe zu hinterfragen. Neben den Workshops und der Unterstützung innerhalb unseres Changeprozesses profitieren wir zum Projektende vor allem durch die Unterstützung in Sachen Öffentlichkeitsarbeit.

Prinzipien der Kreislaufwirtschaft im Krankenhaus

Wie lässt sich Kreislaufwirtschaft im Klinikalltag gut umsetzen?

Stefanie Brauer: Am einfachsten ist es, am Ende der Kette, also beim Recycling anzusetzen. Eigentlich wäre es aber natürlich besser, möglichst weit vorn einzusteigen: Prozesse so zu verändern, dass Abfälle gar nicht erst entstehen. Im Klinikum Nürnberg orientiert man sich dabei an den sogenannten 10R-Prinzipien der Kreislaufwirtschaft: von Refuse (Vermeiden) über Reuse (Wiederverwenden), Repair, Remanufacture bis hin zu Recover (Rückgewinnen). Diese Systematik hilft, Ideen zu ordnen und zu priorisieren.

Sophie Wald: Besonders einfach umzusetzen, sind für uns im Klinikalltag natürlich Maßnahmen, die in unserer Hand liegen:Gewohnheiten umstellen oder kleine Prozesse verändern. Je weniger externe Stellen beteiligt sind, desto unkomplizierter ist es in der Regel. Schwieriger wird es, wenn z. B. Hersteller eingebunden werden müssen. Ein gutes Beispiel: Im OP werden Verpackungen häufig prophylaktisch geöffnet, damit im Notfall alles schnell verfügbar ist. Wird das Produkt dann doch nicht gebraucht, muss es trotzdem verworfen werden. Eine einfache Verhaltensänderung, wie Verpackungen erst bei tatsächlichem Bedarf öffnen, spart Abfall, ohne irgendeinen regulatorischen Aufwand.

Welche Maßnahmen konnten im Pilotprojekt tatsächlich umgesetzt werden?

Sophie Wald: Unsere Hebel für mehr Nachhaltigkeit und einen reduzierten Ressourcenverbrauch waren vielfältig: Ein großes Problem war der hohe Verbrauch von Verpackungsmaterialien und Einwegprodukten. Insbesondere bei Instrumenten und Nachlegeware kam es zu vielen unnötigen Abfällen und damit verbunden auch hohen Kosten. Durch gezielte Maßnahmen – wie überarbeitete Verpackungskonzepte, Sensibilisierung und nachhaltige Prozesse, die weder die Qualität noch die Sicherheit beeinflussen – konnten wir den Materialverbrauch reduzieren und das Bewusstsein der Mitarbeitenden für mehr Nachhaltigkeit stärken. Ein einfach klingendes, aber sehr effektives Beispiel waren zudem Anpassungen bei der Bestellung unserer Arteriensysteme. Diese wurden bei uns viele Jahre standardmäßig mit einer zusätzlichen ZVD-Leitung geliefert, die in der Praxis aber eigentlich nie eingesetzt wird. Die ZVD-Leitung haben wir nun separat in den Artikelkatalog aufgenommen und sie wird nur bestellt, wenn sie tatsächlich gebraucht wird. Dadurch vermeiden wir Abfälle und sparen gleichzeitig Kosten. Ein anderes Beispiel betrifft EP-Herzkatheterspitzen aus Platin: Früher haben wir diese einfach entsorgt, jetzt werden sie mit einem kleinen Seitenschneider abgetrennt und separat gesammelt. Der zusätzliche Aufwand ist gering, der Materialwert jedoch hoch – das ist sowohl aus nachhaltiger als auch aus wirtschaftlicher Perspektive sinnvoll.

Prozesse hinterfragen, nachhaltige Entsorgungslösungen etablieren

Welche Ansätze lassen sich aus Ihrer Sicht auf andere Kliniken übertragen?

Sophie Wald: Einzelne Maßnahmen, wie das Recycling von Katheterspitzen oder ressourcenschonende Produktalternativen lassen sich in vielen Fällen 1-zu-1 auf andere Häuser übertragen, allerdings sollten Einrichtungen immer prüfen: Was ist für uns wirklich sinnvoll und vor allem auch umsetzbar? Vorgefertigte Lösungen machen in vielen Fällen nur wenig Sinn. Übertragbar ist aber auf jeden Fall unsere Methode: Mit einer gut vorbereiteten, interdisziplinären Projektgruppe lassen sich in relativ kurzer Zeit konkrete Ergebnisse erzielen.

Stefanie Brauer: Für mich persönlich war besonders eindrücklich, wie viel Potenzial im Hinterfragen des Status quo liegt. Produktentscheidungen, Entsorgungswege und Prozesse werden oft so umgesetzt, weil man es einfach schon immer so gemacht hat. Fängt man aber an, gemeinsam Dinge zu hinterfragen, entstehen oft neue Möglichkeiten.

Zukunftsperspektive für mehr Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen

Frau Brauer, das Pilotprojekt im Klinikum Nürnberg ist jetzt beendet, wie geht es für Bayern Innovativ jetzt weiter?

Stefanie Brauer: Nachdem wir nun die erste Projektphase abgeschlossen haben, werden wir mit zwei weiteren medizinischen Einrichtungen zusammenarbeiten, die wir – ähnlich wie das Klinikum Nürnberg – auf ihrem Weg zu mehr Kreislaufwirtschaft unterstützen wollen. Die zweite Runde starten wir mit dem Universitätsklinikum Erlangen, wo wir ebenfalls das Thema Ressourcenschutz in OP und Anästhesie unter die Lupe nehmen wollen, zusätzlich aber noch die Labore hinzunehmen. Eine dritte Piloteinrichtung steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest, allerdings wird es vermutlich eine Notfallambulanz werden. Ziel des Gesamtprojektes ist es, die Erkenntnisse aus den einzelnen Piloten zu bündeln und ein Konzept bzw. eine Methode zu entwickeln, die Kliniken eigenständig anwenden können.

Sophie Wald: Auch wenn unser Pilotprojekt nun beendet ist, ist für uns klar: Wir bleiben dran! Die Kolleginnen und Kollegen aus unserer Projektgruppe haben den Wunsch geäußert, sich auch weiterhin regelmäßig zu treffen, um sich für mehr Kreislaufwirtschaft im Klinikalltag einzusetzen. Wir wollen hier mindestens zweimal im Jahr zusammenkommen und das Projekt auch auf andere Bereiche unseres Hauses ausweiten – das Potenzial ist lange noch nicht ausgeschöpft!

Vielen Dank für das Gespräch!

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