Wasser, Energie, Verbrauchsmaterialien – ein Krankenhaus benötigt täglich schier riesige Mengen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Gleichzeitig wächst der Druck von außen, aber auch der Wunsch vieler Mitarbeitenden, sich als Einrichtung nachhaltig aufzustellen. Auch wenn viele Kliniken bereits Maßnahmen zur Reduzierung ihres Ressourcenverbrauchs und für mehr Kreislaufwirtschaft ergreifen, ist deren Umsetzung und Wirksamkeit vor allem von wirtschaftlichen Mitteln abhängig. Gemeinsam mit André Helm vom Universitätsklinikum Magdeburg und Dr. Axel Boese – Geschäftsführer von MEDICS und Senior Researcher an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – sprachen wir über den Balanceakt zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit und zwar sowohl aus der Perspektive einer medizinischen Einrichtung als auch eines Medizinprodukteherstellers.
Zur Person:André Helm
- seit Juni 2023 Leitung Vorstandsbereich Unternehmensentwicklung und Zentrales Projektmanagement am Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.
- Oktober 2018 – September 2022 stellvertretende Leitung Vorstandsbereich Informationssicherheit am Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.
- Oktober 2010 – September 2018 IT-Administrator bei G.punkt Medical Services
- September 1999 – September 2005 Diplom-Ingenieur Computervisualistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Zur Person: Dr. Axel Boese
- seit Mai 2013 Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, u. a. als Senior Researcher und Verantwortlicher für das INKA HealthTec Innovation Lab
- seit Mai 2025 Geschäftsführer bei ZPVP – Zentrum für Produkt-, Verfahrens- und Prozessinnovation GmbH
- seit April 2020 CEO MEDICS GmbH
- bis August 2016 Dr.-Ing. Produktentwicklung Medizintechnik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
- bis April 2004 Diplom-Ingenieur Maschinenbau und Konstruktionstechnik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Herr Helm, auch wenn viele Einrichtungen – darunter auch das Universitätsklinikum Magdeburg – bereits vielfältige Maßnahmen zum Schutz von Ressourcen umsetzen, entscheidet man sich trotzdem oft gegen die nachhaltige Produktlösung. Warum ist das so?
André Helm: Der Hauptgrund ist relativ einfach: Nachhaltigkeit kostet zunächst Geld. Viele Projekte, die wir umsetzen oder zu denen wir gesetzlich verpflichtet werden, sind mit Investitionen verbunden. Gleichzeitig stehen Krankenhäuser und insbesondere Universitätskliniken aber auch unter einem enormen wirtschaftlichen Druck. Nachhaltigkeit ist zwar ein wichtiger Bestandteil unserer Unternehmensstrategie, man muss aber sehr genau abwägen, an welcher Stelle Investitionen sinnvoll und überhaupt darstellbar sind. Viele wünschenswerte Maßnahmen lassen sich aktuell schlicht nicht finanzieren und hinzukommt, dass unser Fokus am Ende des Tages immer auf der Patientenversorgung liegt. Diese hat, sowohl vor wirtschaftlichen als auch nachhaltigen Entscheidungen, immer Priorität.
Wie kann dieser Balanceakt zwischen Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Patientensicherheit dennoch gelingen? Was braucht es hierfür Ihrer Meinung nach, Herr Helm?
André Helm: Ich denke, eine stärkere politische Unterstützung und gezielte Fördermechanismen sind hier unabdingbar. Gerade im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Land Sachsen-Anhalt, mit welchem wir eine gemeinsame Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt haben, merken wir, dass das Thema auch in den Ministerien stärker in den Fokus gerückt ist. Prof. Dr. Armin Willingmann – Minister für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt – hat uns gegenüber deutlich gemacht, dass Nachhaltigkeit für ihn ein wichtiges Anliegen ist und an entsprechenden Finanzierungslösungen gearbeitet wird.
Herr Dr. Boese, was ist aus Ihrer Sicht nötig, damit nachhaltige Lösungen langfristig funktionieren?
Dr. Axel Boese: Nachhaltigkeit wird sich dann durchsetzen, wenn sie wirtschaftlich attraktiv ist. Dafür braucht es verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen und Geschäftsmodelle, die über viele Jahre planbar sind. Wichtig sind außerdem Best-Practice-Beispiele. Wenn man zeigen kann, dass ein Ansatz funktioniert und sich rechnet, lässt er sich auch auf andere Bereiche übertragen. Man muss allerdings bedenken: Krankenhäuser lassen sich nicht von heute auf morgen komplett umstellen, dafür sind die Strukturen zu komplex.
André Helm: Das sehe ich ähnlich: Nachhaltigkeit ist inzwischen in vielen Köpfen angekommen und Kliniken sind in der Regel auch sehr offen für innovative Lösungen, solange diese wirtschaftlich tragfähig sind. Es muss ein Geben und Nehmen zwischen Herstellern und Kliniken sein. Wenn dieser Spagat gelingt, können nachhaltige Innovationen auch im Klinikalltag vorankommen.
Aufbereitung von Medizinprodukten
Herr Dr. Boese, apropos Geben und Nehmen zwischen Herstellern und Kliniken: Welche regulatorischen und haftungsbezogenen Anforderungen erschweren aktuell die Entwicklung, Zulassung und den Einsatz nachhaltiger Medizinprodukte – insbesondere mit Blick auf Wiederaufbereitung und Recycling?
Dr. Axel Boese: Grundsätzlich gibt es bei Medizinprodukten zwei zentrale Anforderungen: Sie müssen ihre Funktion erfüllen und vor allem muss die Sicherheit von Patientinnen und Patienten sowie dem medizinischen Personal gewährleistet sein. Gerade dieser Sicherheitsaspekt ist bei der Wiederaufbereitung bzw. dem Recycling von medizinischen Produkten aber nicht zu unterschätzen. Viele Produkte – wie beispielsweise ein Klammernahtgerät – sind ursprünglich für den Einmalgebrauch konzipiert. Wenn man diese Geräte nun aber wiederaufbereiten und mehrfach nutzen möchte, muss das Produkt nach der Aufbereitung wieder genauso funktionieren wie im Originalzustand. Erfolgt die Aufbereitung nicht durch den eigentlichen Hersteller, kann es hier zu kritischen Punkten kommen, denn nur der Hersteller weiß genau, welche Rohstoffe, Materialien und Komponenten verbaut sind und ggf. auch, wie diese auf Reinigungs- oder Sterilisationsprozesse reagieren.
Wiederverwendung gilt in der Abfallhierarchie als bevorzugter Ansatz. Inwiefern ist sie bei Medizinprodukten tatsächlich sinnvoll und wo liegen die praktischen und regulatorischen Grenzen?
Dr. Axel Boese: Das hängt sehr stark vom jeweiligen Produkt ab. Edelstahl-Instrumente lassen sich in der Regel gut aufbereiten, weil die glatten Oberflächen gut zu reinigen sind. Bei Instrumenten mit viel Innenstruktur, die mit Blut oder Gewebe in Kontakt kommen, ist es dagegen deutlich schwieriger. Man darf auch den Aufwand nicht unterschätzen: Aufbereitung ist sehr ressourcenintensiv und es werden große Mengen an Energie und Wasser sowie ausreichend Personal benötigt. Zudem müssen Einrichtungen, wenn sie sich für die Aufbereitung entscheiden, mehrere Instrumentensätze vorhalten. Das ist natürlich auch ein erheblicher logistischer und finanzieller Aufwand. Im Vergleich dazu sind Single-Use-Produkte im Klinikbetrieb deutlich einfacher zu handhaben, auch wenn diese – gerade im Vergleich mit Mehrwegprodukten – größere Abfallmengen produzieren. Trotz allem ist Aufbereitung nicht automatisch immer die bessere Lösung, hier gibt es eine echte Grauzone, die vor allem durch die Ressourcen der Klinik beeinflusst wird.
Einwegprodukte versus Mehrwegprodukte im Krankenhaus
Wie ist die Situation aktuell am Universitätsklinikum Magdeburg: Setzen Sie überwiegend auf Einwegprodukte oder Mehrweglösungen?
André Helm: Ohne dass mir gerade eine Statistik vorliegt, würde ich sagen: Aktuell nutzen wir in vielen Bereichen überwiegend Einwegprodukte. Das hängt stark mit hygienischen Anforderungen zusammen. Während der Pandemie haben wir aufgrund der knappen Ressourcen versucht, verstärkt auf Mehrweglösungen zu setzen. „Kurzfristig“ auf wiederverwendbare Lösungen umzusteigen, ist gar nicht so einfach. Neue Ansätze zur Aufbereitung von OP-Instrumenten, nachhaltige Produktalternativen oder Recyclingkonzepte prüfen wir aber kontinuierlich und achten hier auch auf die Nachhaltigkeitsstrategien der Hersteller.
Herr Helm, welche Faktoren beeinflussen das Uniklinikum Magdeburg bei Entscheidungen für oder gegen Produkte?
André Helm: Als öffentliche Einrichtung sind wir an das Vergaberecht gebunden. In Ausschreibungen arbeiten wir daher mit einer Nutzwertanalyse, bei der Kriterien und Gewichtungen je nach Bedarf festgelegt werden. Der Preis ist hier zwar ein wichtiger Faktor, aber nicht das alleinige Entscheidungskriterium. Gleichzeitig achten wir darauf, dass Anbieter nachhaltige Lösungen anbieten, etwa recycelte bzw. nachfüllbare Büroartikel, und es regelmäßige Produkt-Updates gibt. Bei Elektrogeräten berücksichtigen wir auch die Energieeffizienz. Zusätzlich arbeitet unser zentraler Einkauf daran, das Thema Nachhaltigkeit auszuweiten.
Entsorgungskosten und Umwelteinfluss beim Produktdesign bedenken
Herr Dr. Boese, werden Entsorgungs- und Umweltkosten heute bereits ausreichend bei der Entwicklung eines Medizinproduktes berücksichtigt?
Dr. Axel Boese: Aktuell spielen diese Kosten kaum eine Rolle, werden aber in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen. Gerade da steigende Entsorgungskosten den wirtschaftlichen Druck – sowohl für Kliniken als auch Hersteller – deutlich erhöhen. Viele Medizinproduktehersteller beschäftigen sich inzwischen bereits mit recyclinggerechtem Produktdesign, oft allerdings weniger aus idealistischen Gründen, sondern weil es Kosten spart. Weniger Materialvielfalt, weniger Komponenten und einfachere Konstruktionen erleichtern Recycling und senken langfristig die Produktionskosten – das ist für alle Beteiligten am Ende ein Plus.
Vielen Dank für das Gespräch!




