Blick ins Ausland Abfallbeauftragte brauchen ein Netzwerk

Das Österreichische Umwelt- und Abfallforum für den medizinischen Bereich bringt Abfallbeuaftragte aus dem ganzen land zusammen. (Bildrechte: Umwelt- und Abfallforum Österreich)
Das Österreichische Umwelt- und Abfallforum für den medizinischen Bereich bringt Abfallbeuaftragte aus dem ganzen land zusammen. (Bildrechte: Umwelt- und Abfallforum Österreich)

Wie schaffen es Abfallbeauftragte aus medizinischen Einrichtungen in Österreich, trotz begrenzter Ressourcen und ihrer oft unterschätzten Rolle im Klinikalltag praxisnahe Lösungen mit Behörden und Entsorgern zu erarbeiten? Antworten darauf liefert Gerhard Horinek, Gründungsmitglied des Österreichischen Abfall- und Umweltforums aus dem medizinischen Bereich, das sich in den 1990er-Jahren aus einer einfachen Beobachtung heraus entwickelt hat: Die wertvollsten Erkenntnisse entstehen oft nicht im offiziellen Programm einer Tagung, sondern im direkten Austausch zwischen Kolleginnen und Kollegen. Heute bringt der Verein nicht nur jährlich Abfallbeauftragte aus dem ganzen Land zusammen, sondern setzt sich zudem auf politischer Ebene für sinnvolle, sichere und in der Praxis umsetzbare Regeln in der Abfallentsorgung ein.

Zur Person: Gerhard Horinek

  • Seit 2019 Vorsitzender des Österreichischen Norm Arbeitskreises S2104 „Abfälle aus dem medizinischen Bereich“
  • Seit 1995 Mitglied im Österreichischen Abfall- und Umweltforum
  • Vorsitzender des Österreichischen Abfall- und Umweltforums
  • Seit 1994 Abfallbeauftragter am Universitätsklinikum AKH Wien
  • Ausbildung: Technische Chemie und Betriebswirtschaft

Herr Horinek, Sie sind Gründungsmitglied des Österreichischen Abfall- und Umweltforums. Können Sie unseren Leserinnen und Lesern erklären, was das Abfallforum eigentlich ist?

Gerhard Horinek: Wir sind ein Verein, in dem sich Abfallbeauftragte aus ganz Österreich regelmäßig über ihre Arbeit in den Spitälern austauschen. Entstanden ist die Idee bei einer Schulung zur Entsorgung medizinischer Abfälle Anfang der 1990er-Jahre. Wir haben damals gemerkt, dass bei solchen Veranstaltungen die Pausengespräche mit Kolleginnen und Kollegen sehr interessant und hilfreich sind. Das Abfallforum ist also als Netzwerk, in dem Abfallbeauftragte aktuelle Fragestellungen behandeln, entstanden. Das beschränkt sich nicht nur auf die jährliche Veranstaltung, sondern die Teilnehmer sind regelmäßig per Telefon und Mail in Kontakt.

Wie hat sich das Forum seit der Gründung entwickelt?

Gerhard Horinek: Am Anfang waren sechs bis acht Personen aus großen Krankenhäusern verschiedener Bundesländer vertreten, unter anderem aus dem Landeskrankenhaus Salzburg oder auch aus Kärnten. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich das Abfallforum zu einer festen Veranstaltung, die zweimal im Jahr in unterschiedlichen Krankenanstalten stattfand. Auch die Zahl der Interessierten und Teilnehmenden stieg dann rasch an. Nach einigen Jahren einer “losen” Vereinigung wurde dann ein offizieller Verein gegründet, es wurde dann auch effizienter gestaltet und auf eine konzentrierte Veranstaltung im Jahr umgestellt.

Einmal im Jahr gibt es die besagte große Veranstaltung für österreichische Abfallbeauftragte – das Abfallforum. Wie läuft diese Veranstaltung ab?

Gerhard Horinek: Im Schnitt gibt es etwa 40 Teilnehmende aus fast allen Bundesländern. Das letzte Abfallforum fand im Juni 2026 in Wien statt, im kommenden Jahr geht es für uns dann nach Graz. Dort findet es gemeinsam mit dem Wolfgang Rücker Symposium statt, einer etablierten Veranstaltung zum Thema Hygiene & Abfall im Gesundheitswesen, die Prof. Dr. Franz Reinthaler ausrichtet. Inhaltlich wird jedes Jahr mit verschiedenen Themenblöcken gearbeitet: Es gibt immer einen Themenblock zum Abfallrecht – dazu kommen Experten aus den verantwortlichen Ministerien als Vortragende. Ein wichtiges Thema in diesem Jahr war beispielsweise die Umstellung auf den vollelektronischen Begleitschein bei der Nachweiserbringung von Abfallentsorgungen. Dann gibt es auch immer einen Block zur Abfalltechnik, in dem Alltagsprobleme besprochen werden, zum Beispiel die Lagerung von Lithium-Ionen-Batterien und das Brandrisiko, das von diesen ausgeht. Chemikalienentsorgung ist ein weiteres Dauerthema: Hier wurde in diesem Jahr vor allem über Pikrinsäure diskutiert. Dazu kommen die Themen Abfall und Hygiene sowie Ökologie und Abfallwirtschaft – in diesem Jahr etwa die EMAS-Verordnung im Krankenhaus, die Berechnung des CO2-Fußabdrucks von Abfällen und die neue EU-Verordnung zu Alttextilien. Und weil die Veranstaltung jedes Jahr in einem anderen Krankenhaus tagt, gibt es meist eine Exkursion durch das jeweilige Krankenhaus sowie – sofern möglich – zu einer Recyclinganlage in der Region. Im Juni wurde in Wien beispielsweise dieeinzige Sonderabfallverbrennungsanlage Österreichs besichtigt.

Abfallmanagement auf Augenhöhe: Zusammenarbeit mit Entsorgern und Gesetzgeber

Auch Entsorger und der Gesetzgeber sind Teil der jährlichen Veranstaltung – wie gestaltet sich die Zusammenarbeit darüber hinaus?

Gerhard Horinek: Wir haben in den knapp 30 Jahren eine Basis für eine gute Zusammenarbeit geschaffen. Wir können uns mit konkreten Fragen an die Behörden und Entsorger wenden und diese im Sinne einer guten Lösung ausdiskutieren. Und das funktioniert auch umgekehrt: Bei neuen Verordnungen oder gesetzlichen Regelungen, die auch die medizinischen Abfälle betreffen, sich an das Abfallforum wenden und um unsere Meinung und Expertise ersuchen. Also ein Miteinander statt ein Gegeneinander.

Sie setzen sich ja auch dafür ein, dass Regelungen aus der Praxis heraus mitgestaltet werden. Wie verstehen Sie diese Rolle des Forums?

Gerhard Horinek: Man könnte es Lobbyarbeit nennen, was aber eigentlich das falsche Wort dafür ist. Es geht darum, dass eine sinnvolle Abfallwirtschaft in den Krankenhäusern weiterentwickelt wird und zwar auf Augenhöhe mit Behörden und Entsorgern. Ein Beispiel: Der Gesetzgeber musste im Sinne der Festsetzungsverordnung definieren, was als „infektiöser“ Abfall gilt. In Zusammenarbeit mit dem Ö-Normen Arbeitskreis, dem Abfallforum und den Hygieneexperten wurde dann eine für den Krankenhausalltag praktikable, aber auch rechtlich korrekte Lösung erarbeitet. Das Abfallforum wirkt darauf hin, gemeinsam mit den Ministerien und Behörden nach Lösungen, die sinnvoll, sicher und alltagstauglich sind, zu suchen. Am Ende soll sich ein Nutzen für die Umwelt ergeben, der Gesetzgeber einen sicheren Rahmen bekommen und die Krankenhäuser sollen es natürlich im Alltag auch wirklich umsetzen können. Deshalb sind einige Mitglieder auch in den Ausschüssen zur Ö-Norm S 2104 (AT) – dem Pendant zur deutschen LAGA – aktiv. In einem solchen Ausschuss arbeiten meist um die 40 Personen, leider sind nicht so viele Vertreter mit Praxiserfahrung aus dem Klinikalltag vertreten. Hier bündelt das Abfallforum das Wissen und die Anforderungen der Krankenhäuser und bringt die richtigen Impulse in die Diskussion mit ein. Die Arbeit des Abfallforums hat hoffentlich – sowohl auf politischer Ebene als auch in den Krankenhäusern selbst – einiges dazu beigetragen, dass das Abfallmanagement in vielen Kliniken heute einen ganz anderen Stellenwert hat als früher. Dadurch konnte vielen Kolleginnen und Kollegen der Rücken bei ihrer täglichen Arbeit im Krankenhaus gestärkt werden. Trotzdem wird die Wichtigkeit eines modernen Abfallmanagements in einigen Krankenhäusern leider immer noch unterschätzt und es können damit viele Potenziale nicht ausgeschöpft werden.

Rückhalt aus den Kliniken für das Abfallforum

Wie unterstützen die Krankenhäuser die Verbandsarbeit?

Gerhard Horinek: Die Kliniken unterstützen das Abfallforum, indem sie den Veranstaltungsort bereitstellen. Jedes Jahr übernimmt ein anderes Krankenhaus die Ausrichtung: Das Krankenhaus stellt einen Veranstaltungsraum, wie einen Hörsaal, zur Verfügung, organisiert die Verpflegung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ermöglicht auch einen Einblick in das Krankenhaus inklusive des Abfallmanagements vor Ort. Direkte Aufgaben werden von den Kliniken nicht an das Forum herangetragen, aber es kommen immer Impulse aus den Häusern, wenn es beispielsweise konkrete Probleme bei Entsorgungsthemen gibt. Es ist schön zu sehen, dass die Betreiber und Leitungen der Krankenhäuser die Arbeit des Abfallforums schätzen und bei Anfragen als Veranstaltungsort immer bereitwillig unsere Arbeit unterstützt haben.

Lithium-Ionen-Batterien: Aktuelles Projekt des Abfallforums

Was beschäftigt die Mitglieder des Abfallforums aktuell?

Gerhard Horinek: Unser aktuelles Projekt ist ein eigener Leitfaden zur sicheren Sammlung und Entsorgung von elektronischen Kleingeräten mit Lithium-Ionen-Batterien aus dem Krankenhaus. Das uns das Thema gerade beschäftigt, ist natürlich kein Zufall: Immer wieder kommt es zu Bränden durch falsch gelagerte Batterien und genau das wollen wir in Krankenhäusern unbedingt vermeiden. Der Leitfaden soll den Abfallbeauftragten hier eine konkrete Arbeitshilfe an die Hand geben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle Angaben ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit.