Entsorgung von hochtoxischen oder reaktiven Chemikalien Entsorgungsmanager Ludger Depenbrock im Interview

Ludger Depenbrock, Entsorgungsmanager Uniklinikum Münster (Foto: privat)
Ludger Depenbrock, Entsorgungsmanager Uniklinikum Münster (Foto: privat)

Viele chemische Abfälle gelten als Sonderabfall. Dementsprechend problematisch ist deren Sammlung und Entsorgung. Ein wesentliches Risiko besteht für Gesundheit und Umwelt, da bei fehlerhafter Entsorgung langlebige und schädliche Chemikalien freigesetzt werden können und sich dauerhaft in Lebewesen oder Gewässern anreichern. Produktionsprozesse, Dienstleistungen und Gebrauchsprodukte sind mit der Anwendung von Chemikalien verbunden, deren Leistungsfähigkeit häufig von der unterschiedlichen Zusammensetzung der verwendeten Chemikalien abhängig ist. Bei der Entsorgung dieser chemischen Abfälle ist durch die Vermischung besondere Vorsicht geboten.

Die ordnungsgemäße Entsorgung von Laborchemikalien ist für die Umwelt eine wichtige jedoch gleichwohl aufwendige Aufgabe. Nicht alle Abfallstoffe können dabei direkt zur Entsorgung abgegeben werden. Besonders reaktive Spezies, wie zum Beispiel Alkalimetalle, Metallhydride, Metallalkyle, Säurechloride oder Katalysatoren, müssen zunächst deaktiviert und in eine entsorgungsfähige Form gebracht werden.

Abfallmanager Medizin hat mit Ludger Depenbrock über diese anspruchsvolle Aufgabe gesprochen. Der 53-Jährige ist am Uniklinikum Münster Entsorgungsmanager für chemische Abfälle.

Zur Person: Ludger Depenbrock

  • Entsorgungsmanager und Ansprechpartner für infektiöse, krankenhausspezifische und chemische Abfälle
  • Ausbildung zum chemisch technischen Assistenten
  • 4 Jahre als CTA/Immissionsmesstechniker tätig im Bereich Arbeitsplatz- und Umweltanalytik
  • 23 Jahre in der Bauchemie im Bereich QHSE (Qualität, Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz) und als Brandschutzbeauftragter tätig
  • seit 10/2016 als Entsorgungsmanager am Uniklinikum Münster

Erzählen Sie uns bitte in welcher Funktion Sie für das Uniklinikum Münster tätig sind und was damit verbunden zu Ihren täglichen Aufgaben gehört.

Ludger Depenbrock: Ich bin in der Funktion als Entsorgungsmanager am Uniklinikum Münster tätig, mein Fachgebiet ist unter anderem die Entsorgung von chemischen Abfällen. Gerade bei der Entsorgung von chemischen Abfällen tauchen in den Forschungseinrichtungen bei speziellen Chemikalien auch Fragen zur richtigen Entsorgung auf. Daher besteht die tägliche Arbeit unter anderem aus der Beratung der Abfallerzeuger. Darüber hinaus beschäftige ich mich mit der Recherche zu einzelnen Substanzen und mit der Klassifizierung und Dokumentation der Abfälle.

Welche Chemikalien erreichen Sie aus den unterschiedlichen Bereichen des Uniklinikums, es existieren ja allein 14 Forschungseinrichtungen. Wo fallen besonders viele hochtoxische oder reaktive Chemikalien an?

Ludger Depenbrock: In den Forschungseinrichtungen wird täglich mit sehr vielen verschiedenen Chemikalien umgegangen, darunter befinden sich gefährliche aber auch weniger gefährliche Chemikalien. Als reaktive Abfälle fallen verschiedenste Peroxide, Pikrinsäure, Metallphosphide, Carbide, aber auch diverse andere Chemikalien an. Die Gruppe der „hochtoxischen Chemikalien“ umfasst so viele Chemikalien, dass ich hier nur einzelne, wie zum Beispiel die Gruppe Cyanide, Ethidiumbromid und Osmiumtetroxid aufführen möchte. Bei diesen Abfällen handelt es sich fast immer um Kleinmengen im Labormaßstab, in der Regel noch in der Originalverpackung aber auch als Gebrauchslösung.

Bereits beim Bezug, bei der Lagerung und der Handhabung von Chemikalien sind eine ganze Reihe von Vorschriften unterschiedlicher Rechtsgebiete zu beachten, die den Schutz der Umwelt zum Ziel haben. Welche Vorschriften müssen Sie beachten?

Ludger Depenbrock: Alle Vorschriften im Einzelnen aufzuführen, würde wohl zu umfassend werden, hier einige relevante Regelungen: Für die Klassifizierung, Kennzeichnung und Verpackung ist die CLP-Verordnung, beim Transport der Chemikalien ist natürlich die Gefahrgutverordnung Straße bindend. Die Lagerung im Sonderabfalllager unterliegt unter anderem den Vorgaben der Technischen Regeln für Gefahrstoffe wie der TRGS 510.

Der Umgang mit Gefahrstoffen bei der Annahme und Lagerung setzt ein umfangreiches Wissen voraus, so dass der Gesetzgeber mit der TRGS 520 einen recht praktikablen Leitfaden geschaffen hat. Dieser enthält unter anderem die Anforderungen an die eingesetzten Fachkräfte. Auch das Wasserhaushaltsgesetz mit seinen Verordnungen ist bezüglich der Lagerung zu beachten.

Um welche Abfälle / Abfallschlüssel handelt es sich dabei überwiegend?

Ludger Depenbrock: Die Chemikalienabfälle fallen nach dem Europäischen Abfallverzeichnis unter das Kapitel 16 (Abfälle, die nicht anderswo im Verzeichnis aufgeführt sind). Die Laborchemikalien fallen in die Untergruppe 16 05 (Gase in Druckbehältern und gebrauchte Chemikalien). Unterhalb dieser Gruppe erfolgt die weitere Trennung in organische- und anorganische Chemikalien. Ungefähr 75 % der zu entsorgenden Chemikalien entfallen dabei auf die anorganischen Abfälle.

In den aktuellen Gesetzen zur Abfallwirtschaft geht es um Ressourcenschonung, Energieeinsparung sowie Wiederaufbereitung von Abfallprodukten, um diese erneut in Produktionskreisläufe einbringen zu können. Was können Sie bei der Entsorgung dazu beitragen?

Ludger Depenbrock: Das erste Bestreben ist die Vermeidung der Abfälle, dann die Möglichkeit der Verwertung. Hier versuchen wir über die Beratung der Labormitarbeiter anzusetzen. Allerdings können viele chemische Abfälle aufgrund ihrer Giftigkeit nur in einer Sonderabfallverbrennungsanlage vernichtet werden.

Die interne Weitergabe von gebrauchten Chemikalien scheitert in der Regel an den hohen Qualitätsansprüchen, die im medizinischen Bereich an die einzusetzenden Chemikalien gestellt werden.

Gibt es Leitlinien, Handlungsempfehlungen oder Schulungen für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um über den Umgang mit gefährlichen Stoffen zu informieren?

Ludger Depenbrock: Diese Aufgabe obliegt der Leitung der einzelnen Forschungsinstitute, die regelmäßigen Unterweisungen gehen ja als Pflicht aus der Gefahrstoffverordnung, also dem Arbeitsrecht hervor. Darüber hinaus haben wir ein umfangreiches Abfallverzeichnis in unserem Intranet erstellt, damit jeder Mitarbeitende zu jeder Zeit die passenden Informationen finden kann. Bei weitergehenden Fragestellungen kann das Umweltschutz- und Entsorgungsmanagement, aber auch der Arbeitsmedizinische Dienst des Uniklinikums Münster beratend tätig werden.

Gibt es Kooperationen oder pflegen Sie einen Austausch mit Abfallbeauftragten anderer öffentlicher Einrichtungen? Wenn ja, inwiefern arbeiten Sie zusammen?

Ludger Depenbrock: Kooperationen zur Entsorgung von Abfällen gibt es eher nicht, da die nächstgelegenen universitären Forschungseinrichtungen zu weit entfernt liegen. Nicht universitäre Krankenhäuser haben in der Regel keine großen Mengen chemischer Abfälle.

Ein Erfahrungsaustausch mit Kollegen findet bei regelmäßigen Fortbildungen und im Rahmen von Arbeitskreisen statt. Wir sind zum Beispiel regelmäßig bei den Treffen des NRW-Arbeitskreises vertreten.

Wie hoch ist der Dokumentationsaufwand für Sie als Entsorgungsmanager?

Ludger Depenbrock: Der Dokumentationsaufwand ist insgesamt überschaubar. Die meisten chemischen Abfälle liegen in der Regel unterhalb der 20-Tonnen Grenze, so dass wir per Sammelentsorgungsnachweis entsorgen können. Die restlichen gefährlichen Abfälle werden über Einzelentsorgungsnachweise entsorgt. Somit erfolgt die Dokumentation vollständig digital.

Wie versuchen Sie einen möglichst geringen Abwicklungs-Aufwand bei der Chemikalien-Entsorgung beizubehalten?

Ludger Depenbrock: Aufgrund der Gebäudestruktur am Uniklinikum Münster gibt es zwei verschiedene Wege die Chemikalien bei uns abzugeben. Im Zentral-Klinikum gibt es zweimal in der Woche feste Öffnungszeiten, während die Forschungseinrichtungen Chemikalien an festen Annahmestellen abgeben können.

In den Außenbereichen besteht die Möglichkeit, über eine Online-Plattform die Chemikalien anzumelden. Die Abholung erfolgt dann einmal pro Woche.

Um den Aufwand für die einzelnen Institute zu minimieren, haben wir genaue Beschreibungen bezüglichVerpackung und Etikettierung im Intranet des Uniklinikums veröffentlicht, zum Beispiel sämtliche Bestellnummern der verschiedenen Verpackungen oder das Anbringen der Etiketten.

Welche Qualifikationen müssen Sie als Abfallbeauftragter mitbringen, um mit den Abfällen gefährlicher Chemikalien umgehen zu können?

Ludger Depenbrock: Die Funktion der Abfallbeauftragten ist bei uns im Haus nicht gleichzeitig die Fachkraft, die sich mit der Entsorgung der Chemikalien beschäftigt. Für die Ausübung meiner Funktion als Entsorgungsmanager mit dem Fachgebiet Entsorgung chemischer Abfälle werden gute chemische Vorkenntnisse benötigt. Eine Ausbildung zum chemisch-technischen-Assistenten, mehrere Jahre Labortätigkeit und regelmäßige Fortbildungen in dem Bereich sind eine gute Basis für die Ausübung der Tätigkeit.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quellen

Ludger Depenbrock, Entsorgungsmanager Uniklinikum Münster (Foto: privat)
Ludger Depenbrock, Entsorgungsmanager Uniklinikum Münster (Foto: privat)