Krankenhausinfektionen in Deutschland Bis zu 600.000 Menschen infizieren sich jährlich mit Krankenhauskeimen

Jährlich sterben in Europa etwa 91.000 Menschen nach Krankenhausinfektionen. Das ist das Ergebnis einer Studie des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in insgesamt 30 europäischen Ländern. Die Erhebung bezieht sich auf die sechs häufigsten nosokomialen Infektionen – die tatsächliche Zahl kann somit noch deutlich höher liegen. Die Direktorin des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité, Petra Gastmeier, schätzt die Zahl an nosokomialen Infektionen in Deutschland auf 500.000 und die darauffolgenden Todesfälle auf bis zu 15.000. Diese Zahlen zeigen eindrücklich die Dimension und wachsende Bedeutung von Krankenhausinfektionen. Sowohl aus medizinischer Sicht als auch aus sozialer und ökonomischer Perspektive ist es angeraten, die Infektionsprävention kontinuierlich weiter voranzutreiben.

Ausgelöst durch Bakterien, Viren oder Pilze gilt ab dem dritten Aufenthaltstag in einer Klinik per Definition eine Infektion als Krankenhausinfektion. Infizieren können sich Patienten auf vielfältigen Wegen, etwa durch invasive Untersuchungen oder Atemwegs- und Harnwegserkrankungen. Jeder zehnte Patient bringt die Keime dabei selbst ins Krankenhaus mit. Die häufigsten sechs Krankheitsbilder machen zusammen rund 90 Prozent der Krankenhausinfektionen aus:

  • Lungenentzündung
  • Harnwegsinfektionen
  • Wundinfektionen
  • Infektion mit dem Durchfallerreger (Clostridium difficile)
  • Blutvergiftung (Sepsis)
  • Neugeborenen-Sepsis

Ein Drittel der Infektionen lässt sich vermeiden

Rund 3,5 Prozent der Patienten in deutschen Krankenhäusern bekommen auf Allgemeinstationen eine nosokomiale Infektion und 15 Prozent auf Intensivstationen. Ein Drittel der Infektionen ließe sich vermeiden – etwa durch bessere Hygiene. Im Qualitätsbericht des Aqua-Instituts aus dem Jahr 2013 sprechen die Forscher von 975.000 Patienten, die sich in Krankenhäusern mit Keimen infiziert haben. Die Bundesregierung ging in ihren eigenen Schätzungen lange von 430.000 Infektionen aus. Die neuesten Berechnungen des Nationalen Referenzzentrums zur Überwachung von Krankenhausinfektionen an der Berliner Charité pendeln zwischen 400.000 und 600.000 Menschen, die sich jährlich mit Krankenhauskeimen infizieren. Krankenhaushygiene ist wichtiger denn je und der thematische Diskurs wird immer intensiver geführt. Aktuell sind Krankenhäuser mit weniger als 400 Betten noch von der Pflicht befreit, einen Krankenhaushygieniker anzustellen. Beim Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn lässt sich Handlungsbedarf feststellen. Norwegen oder die Niederlande etwa haben eine wesentlich geringere Infektionsquote. In den Niederlanden muss jedes Krankenhaus einen Hygieniker anstellen. Risikopatienten werden bei der Aufnahme auf antibiotikaresistente Keime getestet.

Politik und Gesundheitswesen in der Verantwortung

Um Patienten wirkungsvoll zu schützen, müssen Politik und Gesundheitswesen ihre Anstrengungen weiter forcieren. Der Gesetzgeber hat dies erkannt und die Herausforderung angenommen. In einer Forschungsgruppe des Bundeskanzleramtes sind Verhaltenswissenschaftler damit beschäftigt Strategien zu entwickeln, um einen Kulturwandel im Bereich der Krankenhaushygiene zu initiieren und anzustoßen. Ein Förderungsprogramm stellt bis 2023 insgesamt 460 Millionen Euro für die personelle und organisatorische Weiterentwicklung des Patientenschutzes zur Verfügung. Die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland (GKV-Spitzenverband) sieht jetzt zwei Drittel der Krankenhäuser in der Verantwortung und in der Pflicht zu handeln, um zentrale Vorgaben zu erfüllen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert mit 1,4 Millionen Euro über drei Jahre ein Projekt der Chemikerin Dr. Karen Lienkamp. Sie entwickelt eine Oberflächenschicht, die bei Blasenkathetern und Wundverbänden eingesetzt werden könnte und verhindert, dass sich Keime an der Oberfläche ansiedeln.

Mitarbeiter als Team in die Organisation der Hygiene einbeziehen

Nach einem gemeinsamen zwölfmonatigem Forschungsprogramm mit einer Intensivstation der Charité zeigen sich für die Verhaltensforscher des Bundeskanzleramtes erste Ergebnisse. Erkenntnisse, die sich leicht auf alle Krankenhäuser, Pflegeheime oder Praxen niedergelassener Ärzte übertragen lassen:

  • Desinfektionsmittelspender sollten berührungslos funktionieren
  • Verpackungen der Hygienehandschuhe sind hochgradig verkeimt
  • Tastaturen zählen zu den am stärksten belasteten Flächen auf der Intensivstation

Nach Auswertung der ersten Erkenntnisse stieg die Bereitschaft sich in den als notwendig identifizierten Arbeitssituationen die Hände zu desinfizieren von 72 auf 86 Prozent – ab 80 Prozent sinken die Infektionsraten. Das Programm „Gemeinsam für Infektionsprävention“ läuft im Rahmen einer Feldstudie aktuell auf hundert Intensivstationen innerhalb der Bundesrepublik.

Nosokomiale Infektionen kosten Krankenhäuser richtig Geld

Ein Drittel der Aufwendungen von Intensivstationen entfallen nach den Berechnungen des Kompetenznetzes SepNet auf Patienten, die wegen einer Sepsis behandelt werden müssen. Die Summe allein für die Intensivbehandlung liegt damit geschätzt bei mehr als 2 Milliarden Euro. Der Qualitätsbericht des AQUA-Instituts beziffert die Zusatzkosten für nosokomiale Infektionen durch längere Liegezeiten und zusätzliche Behandlungen pro Patient auf 4.000 bis 20.000 Euro. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene hat die Kosten einer Infektion mit dem Darmkeim Chlostridium difficile berechnet. Sie liegen bei rund 10.000 Euro pro Patient. Das Jenaer Center of Sepsis Control and Care (CSCC) benennt die Kosten einer Sepsis, die sich aus einer Infektion entwickelt, für einen überlebenden Patienten über 20 Jahre mit rund 60.000 Euro. Für einen versterbenden Patienten liegen sie bei rund 50.000 Euro. Nach den epidemiologischen Fallzahlen sind das 3,8 Milliarden Euro jährlich – indirekte Kosten noch nicht eingerechnet. Zudem würden Arbeitsausfall und vorzeitige Verrentung von Sepsis-Patienten die Allgemeinheit nach den Zahlen von SepNet jährlich 6,3 Milliarden Euro kosten. Viele Zahlen, die keinen Zweifel zulassen: Krankenhausinfektionen sind ökonomisch überaus relevant und ein nicht zu vernachlässigender Kostenfaktor für Kliniken.

Quellen