Verwertung von Windeln und Inkontinenzmaterial in den Niederlanden Interview mit Gerd Terbeck zum Thema „Windelrecycling“

Abfallmanager Medizin hat mit Dr.- Ing. Gerd Terbeck über die größte europäische Windelrecyclinganlage gesprochen (Foto: REMONDIS Nederland b.w.)
Abfallmanager Medizin hat mit Dr.- Ing. Gerd Terbeck über die größte europäische Windelrecyclinganlage gesprochen (Foto: REMONDIS Nederland B.V.)

Eine Million Einwegwindeln landen pro Tag in Deutschlands Abfalltonnen. In manchen Städten machen die Windeln zehn Prozent des Müllaufkommens aus, berichtet der BUND Naturschutz. Im niederländischen Nimwegen wurde ein Verfahren entwickelt, um aus einer Windel Kunststoffgranulat, Papierbrei und Biogas zu gewinnen. Im Landesabfallplan des Landes ist die ökologische Verwertung fester Bestandteil. Die separierte Abholung der Windelprodukte aus Krankenhäusern und der Altenpflege gestaltet sich leichter als im privaten Bereich. Da die separate Sammlung der Windeln die entscheidende Voraussetzung für den Recyclingprozess ist, wurde in vielen niederländischen Kommunen eine Getrenntsammlung eingeführt.

Eine Windel besteht aus Zellulose, superabsorbierendem Polymer und Kunststoffen. Die verschiedenen Schichten sind miteinander verklebt, was das Recycling aufwendig gestaltet.

Entwickelt wurde der Wiederverwertungsprozess für Windeln und Inkontinenzeinlagen in Zusammenarbeit mit der Universität Brandenburg. Dabei werden die Windeln nicht verbrannt, sondern eingeschmolzen. Auf diesem Weg können 15.000 Windeln zu neuer Form gelangen.

Für die Rubrik „Blick ins Ausland“ hat Abfallmanager Medizin mit Dr.- Ing. Gerd Terbeck gesprochen. Er ist Geschäftsführer der größten europäischen Windelrecyclinganlage.

Zur Person: Dr.-Ing. Gerd Terbeck

  • Promotion an der Ruhr-Universität Bochum im Bereich Maschinenbau
  • seit 2015 Geschäftsführer bei der REMONDIS Nederland B.V.
  • 15 Jahre Geschäftsführung in der Abfallenergiezentrale GMVA Niederrhein GmbH

Herr Terbeck, dass Windeln recycelt werden können, ist allgemein wenig bekannt. Es fallen jedoch erhebliche Abfälle an. Denn zu den Einwegwindeln für Babys und Kleinkinder kommen zusätzlich Inkontinenzeinlagen, etwa aus Pflegeheimen, hinzu. Über welche Mengen sprechen wir hier?

Gerd Terbeck: Eine Schätzung des Ministeriums für Infrastruktur und Umwelt in den Niederlanden ergab, dass etwa 400.000 Tonnen Windelabfälle im gewöhnlichen Haushaltsabfall vorhanden sind sowie weitere 400.000 Tonnen Inkontinenzmaterialabfälle aus Krankenhäusern und Altenheimen anfallen. Aufgrund des demographischen Wandels und der damit immer älter werdenden Gesellschaft ist die Tendenz vor allem für die Mengen an Inkontinenzmaterialabfällen steigend.

Windeln werden – sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden – im Restabfall entsorgt und als solcher thermisch verwertet. Warum ist diese Verwertung nicht optimal?

Gerd Terbeck: Durch die thermische Verwertung wird Energie in Form von Elektrizität und Wärme erzeugt. Mit der thermischen Verwertung einher geht jedoch auch immer die Erzeugung von CO2, welches sich letztlich in unserer Atmosphäre ansammelt. Daher sieht die Abfallhierarchie der europäischen Gesetzgebung eine Bevorzugung der stofflichen gegenüber der thermischen Verwertung vor. Durch den Windelrecyclingprozess bei der ARN in Weurt werden bis zu 480 Kilogramm CO2 pro Tonne Windel- und Inkontinenzmaterialabfälle eingespart.

Was passiert im niederländischen Nimwegen mit den Windeln genau?

Gerd Terbeck: Der Prozess bei der ARN funktioniert nach dem Prozess der Thermischen Druckhydrolyse (TDH). Dabei werden die Windel- und Inkontinenzmaterialabfälle zusammen mit Klärschlamm in einem Reaktor bei 250 Grad und 40 bar für etwa drei Stunden behandelt. Durch die hohe Temperatur und den hohen Druck werden Keime, Antibiotika etc. abgetötet. Als Produkte entstehen ein Kunststoffagglomerat sowie eine organische Fraktion, Slurry genannt. Das Kunststoffagglomerat wird durch Waschung und Trocknung weiter aufbereitet, die Slurry-Fraktion geht in die benachbarte Kläranlage. Hier wird diese zunächst im Faulturm zur Erzeugung von Biogas verwendet und anschließend mittels Zentrifuge entwässert. Nach der Entwässerung wird ein Teil für den Windelrecyclingprozess wiederverwendet, der Rest wird zu Kompost verarbeitet.

Der Prozess des Windelrecyclings im niederländischen Nimwegen

Abbildung: Der Prozess des Windelrecyclings im niederländischen Nimwegen (eigene Darstellung)

Wenn wir uns eine Windel einmal genauer anschauen: Woraus besteht diese genau und welche Wertstoffe können aus einer Tonne Windelabfall gewonnen werden?

Gerd Terbeck: Windel- und Inkontinenzmaterialien bestehen grundsätzlich aus Zellulose und verschiedenen Polymertypen, wie z. B. SAP (Superabsorbent Polymer) für die aufsaugenden Eigenschaften sowie Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP). Wenn das Material jedoch als Abfall anfällt, d. h. nach Verwendung, machen Fäkalien und Urin mit ca. 2/3 den Großteil der Masse aus. Die Zusammensetzung unterscheidet sich, je nachdem ob es sich um Windel- oder Inkontinenzmaterialabfälle handelt. Aus einer Tonne werden bei der ARN ca. 60 Kilogramm Kunststoffagglomerat zurückgewonnen. Aus der Slurry-Fraktion wird in der benachbarten Kläranlage Biogas gewonnen und anschließend Kompost hergestellt. Ebenso ist es denkbar, in Zukunft die enthaltene Zellulose stofflich zurückzugewinnen.

Mit der Anlage können jährlich 15.000 Windeln verarbeitet werden. Was passiert mit den gewonnenen Kunststoffgranulaten und mit dem Papier?

Gerd Terbeck: Das gewonnene Kunststoffagglomerat wird zu einem Kunststoffgranulat weiterverarbeitet und kann anschließend entweder als Grundstoff oder als Zusatz für verschiedene Endprodukte, wie z.B. Blumentöpfe, verwendet werden. Das Papier wird eingesetzt, um daraus beispielsweise Kartonagen herzustellen.

Auch große Firmen wie z. B. Procter & Gamble forschen bereits und haben in Amsterdam Windelcontainer für die Sammlung aufgestellt, zudem gibt es in Italien bereits eine Windelrecyclinganlage. Arbeiten Sie in ihrem Werk mit Projektpartnern zusammen?

Gerd Terbeck: Die ARN ist ein Public-Private-Partnership (PPP) zwischen der Milieusamenwerking Afvalverwerking Regio Nijmegen (MARN) und REMONDIS. Die MARN ist ein Konsortium aus acht Gemeinden rundum die Region Nimwegen und REMONDIS ein privatwirtschaftliches Entsorgungsunternehmen.
Der Prozess für das Windelrecycling selbst wurde von der Elsinga Beleidsplanning en Innovatie auf Basis von Forschungsarbeit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) entwickelt. Das Projekt profitiert somit von den Expertisen der verschiedenen Akteure in den Bereichen Sammlung, Logistik und Verwertung.

Um flächendeckend Windeln recyceln zu können, müssen diese getrennt gesammelt werden. Wie funktioniert dies bislang in den Niederlanden? Könnten Sie sich vorstellen, dieses Konzept auch für Deutschland zu adaptieren?

Gerd Terbeck: Bisher haben sich einige Gemeinden dazu bereit erklärt, getrennte Sammelsysteme für die Windel- und Inkontinenzmaterialabfälle einzuführen. Die Motivation der Gemeinden ist hier natürlich getrieben vom Preis für die Verbrennung des Materials, welche nach derzeitigem Stand noch den Mindeststandard für die Entsorgung dieses Abfallstroms darstellt. Der Landesabfallplan 3 (LAP3) der niederländischen Regierung sieht jedoch eine Anhebung des Mindeststandards auf „Recycling“ vor, sobald es ausreichende Kapazitäten in den Niederlanden gibt. Dieser Plan sieht außerdem vor, das Haushaltsmüllaufkommen pro Einwohner von 240 Kilogramm im Jahre 2014 auf maximal 30 Kilogramm pro Einwohner bis zum Jahre 2025 zu reduzieren. Investitionen, wie die für die Windelrecyclinganlage, werden daher mit Subventionen aktiv gefördert. Hinzu kommt die Verbrennungssteuer für Abfälle in den Niederlanden, welche die stoffliche Verwertung gegenüber der thermischen Verwertung stets attraktiver werden lässt. Um ein ähnliches Konzept in Deutschland zu ermöglichen, wären entsprechende Anreize vom Gesetzgeber notwendig. Jedoch gibt es in Deutschland noch wesentlich größere Hürden zu überwinden, wie zum Beispiel eine flächendeckende Biotonne.

Die Anlage in Nimwegen gilt als Pilotprojekt in Europa. Wie sehen die Pläne für die kommenden Jahre aus?

Gerd Terbeck: Die Anlage bei der ARN wird dieses Jahr von einem auf drei Reaktoren erweitert, wodurch sich die Gesamtkapazität auf 15.000 Tonnen pro Jahr erhöht und die Wirtschaftlichkeit beträchtlich verbessert wird. Wenn sich das Konzept durchsetzt und mehr Gemeinden bereit sind, getrennte Sammelsysteme einzuführen, sind weitere Anlagen an verschiedenen Standorten in den Niederlanden denkbar.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quellen

Abfallmanager Medizin hat mit Dr.- Ing. Gerd Terbeck über die größte europäische Windelrecyclinganlage gesprochen (Foto: REMONDIS Nederland b.w.)
Abfallmanager Medizin hat mit Dr.- Ing. Gerd Terbeck über die größte europäische Windelrecyclinganlage gesprochen (Foto: REMONDIS Nederland B.V.)