Medizinische Labore untersuchen und analysieren häufig rund um die Uhr Patientenproben, unterstützen so die Diagnostik, identifizieren Infektionserreger und beurteilen Krankheitsverläufe. Dabei verbrauchen sie große Mengen an Wasser, Energie und Materialien und produzieren gleichzeitig große Abfallmengen. Immer mehr medizinische Labore sind daher aktiv auf der Suche nach Möglichkeiten, ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, ohne die Qualitäts- und Hygienestandards zu verletzten.
Lange Zeit gehörten Themen wie Umweltschutz und ökologische Nachhaltigkeit nicht auf die Agenda vieler Labore. Das belegt ein Gutachten der viamedica – Stiftung für eine gesunde Medizin aus dem Jahr 2022. Im Rahmen der Untersuchung wurden verschiedene Einrichtungen des Gesundheitswesens zu bereits umgesetzten Maßnahmen in den Bereichen Ressourceneffizienz, Klimaschutz und ökologischer Nachhaltigkeit befragt. Medizinische und zahnmedizinische Labore hatten sich zu diesem Zeitpunkt wenn, nur vereinzelt mit solchen Maßnahmen auseinandergesetzt.
Und auch in Kliniken mit angeschlossenen, eigenen Laboratorien war Nachhaltigkeit im Labor viele Jahre nur ein Randthema. So sprach beispielsweise Martha Groth vom Luisenhospital Aachen im Interview mit der Abfallmanager Medizin-Redaktion davon, dass das Labor lange Zeit eine Art Black Box, eine separate Einheit gewesen sei. Auch wenn die Klinik in vielen anderen Abteilungen bereits Maßnahmen umsetzte, war das Labor lange außen vor.
Ist Nachhaltigkeit im Labor umsetzbar?
Gerade in Kliniken sind Labore aus räumlichen, aber vor allem aus hygienischen Gründen isoliert, um präzise, unkontaminierte Analyseergebnisse zu gewährleisten und Patientinnen und Patienten sowie die Mitarbeitenden der Einrichtungen vor dem Kontakt mit potenziell ansteckenden Erregern zu schützen. Diese Eigenständigkeit der Labore sorgt in vielen Einrichtungen immer wieder dafür, dass es zwischen dem Labor und anderen Abteilungen nur wenig Berührungspunkte gibt und Nachhaltigkeitspotenziale oft schlicht nicht identifiziert werden können, da der Austausch fehlt.
Unabhängig von der Art des medizinischen Labors – in einer Klinik oder extern – sprechen bzw. sprachen Bedenken bezüglich der Hygiene und dem Infektionsschutz, mögliche höhere Kosten sowie komplexe regulatorische Hürden für viele Einrichtungen gegen die Implementierung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen. Allerdings hat in den letzten Jahren ein Umschwung stattgefunden: Viele Labore arbeiten verstärkt an Strategien, um Ressourcenschutz und Nachhaltigkeit in ihre Abläufe zu integrieren, ohne die notwendige Hygiene und Sicherheit zu gefährden. Hier setzt man beispielsweise auf moderne Geräte mit geringem Stromverbrauch und automatischer Abschaltfunktion, Verfahren zur Aufbereitung von Laborwasser, kauft – sofern möglich – Produkte aus Recyclingrohstoffen ein und nutzt verschiedene Systeme, um Abfälle zu reduzieren bzw. diese in den Recyclingkreislauf zurückzugeben.
Abfälle aus medizinischen Laboren
Medizinische Labore produzieren täglich große Abfallmengen. Ein wichtiger und vergleichsweise einfach umzusetzender Schritt für mehr Nachhaltigkeit ist die richtige Entsorgung gemäß der Abfallschlüssel. Laborinhaber bzw. Kliniken tragen als Abfallerzeuger die Verantwortung, dass Abfälle richtig kategorisiert und entsorgt werden, um so den Umgang mit den Abfällen auf Grundlage der Abfallhierarchie zu gewährleisten.
Zu den häufigsten Abfallarten im Labor gehören:
- AS 180101: Spitze und scharfe Gegenstände
- AS 180103*: Abfälle, die mit meldepflichtigen Erregern behaftet sind
- AS 180104: Abfälle, an deren Sammlung aus infektionspräventiver Sicht keine besonderen Anforderungen gestellt werden
- AS 180106*: gefährliche Chemikalien
- AS 180107: ungefährliche Chemikalien, die nicht unter AS 180106* fallen
- AS 180108*: zytotoxische und zytostatische Arzneimittel
All diese Abfälle sind gemäß der Vollzugshilfe der LAGA 18 einzustufen und zu entsorgen. Im Umgang mit den verschiedenen, in vielen Fällen auch potenziell gefährlichen Abfällen sind große Sorgfalt geboten und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu beachten.
Verantwortungsvoller Chemikalieneinsatz zur Abfallvermeidung
Nach Abfallhierarchie des Kreislaufwirtschaftsgesetzes sind Labore – auch bei den Gefahrstoffen – verpflichtet, Möglichkeiten zur Vermeidung, Wiederverwendung und dem Recycling zu prüfen. Vor allem im Umgang mit gefährlichen Chemikalien, die als Sonderabfälle zu entsorgen sind, gilt die Vermeidung und Reduzierung „unnötiger“ Abfälle als eine der besten Ressourcenschutzmaßnahmen. Eine exakte Planung der Untersuchungsmethoden kann hier hilfreich sein, um die Menge der jeweils benötigten Chemikalie so gering wie möglich zu halten. Das reduziert zudem eine übermäßige Vorratshaltung.
Zusätzlich sollten Labore u. a. regelmäßig ihre Bestände prüfen, Verpackungen eindeutig kennzeichnen, Behälter richtig verschließen und unnötiges Umfüllen vermeiden, um die Qualität der Chemikalien dauerhaft sicherzustellen. Mit der Entsorgung ist ein zertifiziertes Entsorgungsfachunternehmen zu beauftragen. Können Chemikalien gegen weniger toxische und umweltfreundliche Substanzen ausgetauscht werden, ohne die Untersuchungsergebnisse zu beeinflussen, ist dies zu empfehlen.
Kunststoffe: ein großes Problemfeld im Labor
Nach Hochrechnungen des Meeresbiologen Mauricio Urbina aus dem Jahr 2014 werden 5,5 Millionen Tonnen der weltweiten Plastikabfälle medizinischen, biologischen und agrarwissenschaftlichen Laboren zugeschrieben. Berücksichtigt man die Zahlen zur weltweiten Kunststoffproduktion, die laut Statista seit 1950 immer weiter angestiegen sind und die Tatsache, dass im Medizinsektor immer mehr Single-Use-Materialien zum Einsatz kommen, wird die Zahl heute sicher deutlich höher liegen.
Medizinprodukte – sowohl im Labor als auch bei der Patientenversorgung – bestehen aus verschiedenen Kunststoffsorten, was das Recycling der Produkte erschwert. Am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) arbeitet ein interdisziplinäres Team aus Mitarbeitenden der Bereiche Sustainability, Abfallmanagement, Zentraler Spülküchendienst und Biosicherheit unter der Projektkoordination von Helena Engel aktuell an einem Projekt zur Trennung von zwei Laborkunststoff-Fraktionen (PS und PP). Das getrennte Material wurde durch ein nach behördlichen Anforderungen validiertes Autoklavierungsverfahren inaktiviert und zur Evaluierung der Materialqualität sowie zum Recycling an ein Entsorgungsunternehmen weitergegeben. Aktuell prüft das Team rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen zur Implementierung des Trennungssystems und Recyclings der Monofraktionen und ist in Gesprächen mit Entsorgungsfachbetrieben.
Zu den größten Herausforderungen im gesamten Prozess zählten laut Engel die unflexibel definierten abfallrechtlichen Vorgaben für das Recycling von Kunststoffabfällen aus Bereichen der Gentechnischen Sicherheitsstufe 1, die durch Autoklavieren nachweislich inaktiviert werden können. Nach dem Team wäre eine allgemeingültige praxisorientierte Regelung wünschenswert, die die Notwendigkeit des nachhaltigen Umgangs mit „Single-Use“-Laborplastik miteinbezieht. Hinzu kamen Herausforderungen wie der allgemeine Platzmangel in den Laboren und bei der zentralen Infrastruktur des Forschungszentrums sowie der größtenteils auf Freiwilligkeit beruhende zusätzliche Aufwand für die Mitarbeitenden bei Schulung und Umsetzung der Trennung.
Abfallvermeidung im Labor
Viele Labore versuchen die Mengen an Laborabfällen, im speziellen gerade auch an Kunststoffabfällen, deutlich zu reduzieren. An der Universität Konstanz hat man beispielsweise ein Projekt gemäß 5R-Prinzips (Reduce, Reuse, Recycle, Replace & Rethink) im Umgang mit Laborkunststoffen gestartet. Vor Projektbeginn war es gängige Praxis, Kunststoffe nach einmaliger Nutzung zu entsorgen. Zukünftig sollen diese (sofern möglich) wiederverwendet oder getrennt gesammelt werden, um sie einem sortenreinen Recycling zuzuführen. Zudem werden verschiedene Rücknahmesysteme beispielsweise von Starlab und Sarstedt in Anspruch genommen, um Pipettenspitzen und Nährmedienflaschen in den Rohstoffkreislauf zurückzugeben.
Auch im Universitätsklinikum Bonn (UKB) setzt man mit diesem Prinzip auf einen Bewusstseinswandel des Personals für mehr Nachhaltigkeit. Das UKB bietet zudem regelmäßig Schulungen zur Nachhaltigkeit im Labor an, um Mitarbeitende bezüglich eines nachhaltigen Einsatzes von Verbrauchsmaterialien, Geräten und Chemikalien aufzuklären und ihnen Impulse zu geben, Arbeitsabläufe nachhaltiger zu gestalten.
Im Kontext der Abfallvermeidung ist nach Angela Soco, IMD Institut für Medizinische Diagnostik Berlin-Potsdam, vor allem eine enge Zusammenarbeit zwischen den Laborantinnen und Laboranten, Entsorgungsmitarbeitenden, der Haustechnik, dem Facilitymanagement sowie dem Einkauf gefragt. In enger Absprache werden so Gebrauchsprodukte eingekauft, die besonders sparsam verpackt sind oder auch Rücknahmesysteme für Produkte und Verpackungen anbieten, die aufbereitet oder recycelt werden. Altgeräte gibt das Labor beispielsweise an Hersteller zurück bzw. werden funktionsfähige Geräte an Berufsschulen und andere Ausbildungsstätten verschenkt. Auch wenn Nachhaltigkeit und Ressourcenschutz im IMD Labor Berlin-Potsdam immer stärker an Bedeutung gewonnen haben, sind der Platzmangel für beispielsweise Autoklaven o. ä. sowie fehlendes Personal Faktoren, die einige Bemühungen einschränken. Denn umsetzen lassen sich solche Maßnahmen nur, wenn sich nicht nur einzelne Mitarbeitende dafür einsetzen, sondern Nachhaltigkeit auf allen Ebenen gelebt wird.
Validierter Ressourcenschutz im Labor
Das IMD Labor Oderland setzt sich bereits seit vielen Jahren für Ressourcenschutz und Nachhaltigkeit im Labor ein. Dazu gehören neben einer Vielzahl an ressourcenschonenden Projekten auch die Validierung nach EMAS-Standard. Als erstes medizinisches Labor in ganz Europa hat sich der Standort bereits 2008 um das freiwillige Umweltmanagement-Gütesiegel der Europäischen Union bemüht. Verliehen wird das Siegel an Unternehmen, die sich u. a. für die systematische Verbesserung ihrer Materialeffizienz einsetzen und schädliche Umweltwirkungen sowie umweltbezogene Risiken reduzieren wollen. Darunter fallen Themen wie Logistik, Wasser- und Energieverbrauch, aber auch die Abfallentsorgung.
Laut Thomas Herfort – Umweltmanager des IMD Labor Oderland – gibt es viele Möglichkeiten, wie Labore solche nachhaltigen Routinen im Laboralltag integrieren können. Die sind aber immer auch von den Gegebenheiten vor Ort abhängig. Das IMD Labor Oderland hat sich beispielsweise dafür entschieden, radioaktives Iod-125 für 1,5 Jahre unter Berücksichtigung benötigter Sicherheitsvorkehrungen selbst einzulagern und dieses nach Ende der Halbwertszeit als infektiösen Abfall an einen zertifizierten Entsorger zu übergeben. Solche Projekte lassen sich nach Herfort aber nicht für jedes Labor adaptieren und ist in seiner Einrichtung nur möglich, da hier mit vergleichsweise kleinen Mengen gearbeitet wird.
Aber auch andere Maßnahmen wie die Sammlung von Batterien, die Nutzung des Dualen Systems und die Trennung von Abfällen gemäß ihrer Materialzusammensetzung bzw. Abfallschlüssel können hilfreich sein, um das Abfallmanagement nachhaltig zu gestalten. Im IMD Labor Oderland werden beispielsweise Beutel für den Probentransport mehrfach verwendet und nicht direkt entsorgt. Sind diese beschädigt, werden sie als Abfallbeutel in den Tischständern im Laborbereich genutzt. So konnte man den Bedarf an speziellen Tischständersäcken für infektiöse Abfälle deutlich reduzieren. Dieser Prozess erforderte allerdings auch enge Absprachen mit der Hygiene.
Wie lassen sich Abfälle im Labor reduzieren?
Ein bewusster Umgang mit Ressourcen kann dazu beitragen, den ökologischen Fußabdruck medizinischer Labore deutlich zu verkleinern. Eine große Rolle spielt hier auch das Abfallmanagement. Labore sollten sich hier die Frage stellen: Wie können wir unsere Abfälle reduzieren?
- Abfalltrennung priorisieren: Viele Abfälle und im speziellen Kunststoffabfälle können, sofern sie nicht kontaminiert sind, in den Recyclingkreislauf gegeben werden.
- Verpackungsmüll minimieren: Bestellen von Großverpackungen kann Verpackungsabfälle reduzieren. Zudem gibt es Hersteller, die umweltfreundlichere Verpackungen verwenden.
- Materialverbrauch überwachen: Mit einem effektiven Bestandsmanagement lässt sich unnötiger Verbrauch vermeiden.
- Mehrwegprodukte verwenden: Wo möglich, sollte Mehrweg- statt Einwegprodukte zum Einsatz kommen.
- Enge Zusammenarbeit im Labor: Labormitarbeitende, Abfallbeauftragte und Mitarbeitende aus dem Einkauf sollten bei der Suche nach ressourcenschonenden und abfallarmen Produktalternativen zusammenarbeiten, um Nachhaltigkeitspotenziale identifizieren.
- Recyclingprogramme etablieren: Spezielle Recycling-Initiativen für Laborkunststoffe unterstützen die Wiederverwertung und reduzieren Abfälle. Hier können sich Labore auch von zertifizierten Entsorgungsbetrieben beraten lassen.
- Beratung in Anspruch nehmen: Labore können sich im gesamten Entsorgungsprozess – beispielsweise zu einem individuellen Entsorgungskonzept oder zur richtigen Behälterstrategie – von einem zertifizierten Entsorger beraten lassen. Der Blick von außen kann hilfreich sein, eigene Routinen zu hinterfragen und so neue Potenziale für mehr Nachhaltigkeit zu identifizieren.




