Einweg oder doch Wiederaufbereitung? Diese Frage stellt sich bei Medizinprodukten häufig – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch aus Überlegungen zu mehr Ressourceneffizienz. Eine mögliche Entscheidungshilfe bieten Ökobilanzen. LCA-Standards für Medizin- und Pharmaprodukte werden aktuell erarbeitet.
Viele Krankenhäuser sind darum bemüht, ihren klimatischen und ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten oder zu reduzieren. Bei der Suche nach nachhaltigen Medizinprodukten helfen Lebenszyklusanalysen (LCAs – Life Cycle Assessments). Ein LCA betrachtet die unmittelbaren und indirekten Umweltauswirkungen eines Produkts über dessen kompletten Lebenszyklus hinweg – von der Entstehung bis zur Entsorgung. Die Ökobilanzierung hat jedoch ihre Grenzen.
Lebenszyklus von Medizinprodukten
LCA nehmen üblicherweise verschiedene Umweltfaktoren in den Blick. Dazu gehören unter anderem
- Treibhausgasemissionen,
- Wasserverbrauch,
- Landnutzung,
- Ressourcenverbrauch und
- potenzielle Schadwirkungen.
Diese Gesamtbetrachtung der verschiedenen Faktoren innerhalb des Produktlebenszyklus ist entscheidend, da nur so eine belastbare Ökobilanz erstellt werden kann. Der Vergleich zwischen Ein- und Mehrwegprodukten bietet hier ein anschauliches Beispiel: Verschiedene Studien, darunter von Ibbotson et al. und Leiden et al., zeigen, dass Einweg-OP-Besteck die größten Umweltauswirkungen in der Produktion hat, während bei Mehrweginstrumenten die Aufbereitung den größten Anteil an den Umweltauswirkungen ausmacht. Eine Grundannahme, dass „Mehrweg“ aus ökologischer Sicht grundsätzlich besser sei, muss also nicht unbedingt zutreffen. Welche Lösung im Einzelfall tatsächlich die umweltfreundlichere ist, zeigt sich erst in der Gesamtbilanz. Deshalb können LCA als wertvolle Entscheidungshilfe in Nachhaltigkeitsfragen dienen.
Wo Ökobilanzierung auf Abfallmanagement trifft
Aus LCA-Ergebnissen können Abfallbeauftragte vor allem erkennen, welche Bedeutung die Entsorgung im Verhältnis zu Herstellung, Nutzung und Aufbereitung eines Produkts einnimmt und an welchen Stellen im eigenen Haus praktische Verbesserungen möglich sind. Zugleich sind Abfallbeauftragte wichtige Beteiligte bei der Datenerhebung für LCA. Als Schnittstelle zwischen klinischer Nutzung und Entsorgung wissen sie, welche Abfälle nach dem Einsatz von Medizinprodukten tatsächlich entstehen, wie diese getrennt werden können und welche Entsorgungs- oder Verwertungswege im Krankenhaus praktisch und rechtlich möglich sind. Sie liefern damit etwa Angaben zu Abfallarten, Mengen sowie vorgesehenen und tatsächlich genutzten Entsorgungswegen.
Wo liegen die Grenzen von LCA?
Lebenszyklusanalysen sind auf Daten angewiesen. Genau hier liegt jedoch oftmals eine der größten Schwächen von Ökobilanzen, da relevante Informationen an diversen Punkten im Produktlebenszyklus auf Schätzungen beruhen, die je nach Quelle sehr unterschiedlich ausfallen können. Untersucht man etwa die Nutzungsphase eines Medizinprodukts im Krankenhausbetrieb, betrifft dies vom Einkauf über das medizinische Personal bis zum Abfallmanagement verschiedene Abteilungen. Das jeweilige Fachpersonal dieser Bereiche kann zu stark voneinander abweichenden Einschätzungen kommen. Darüber hinaus sind aber auch bestimmte Informationen – beispielsweise zu Materialeigenschaften – schlicht schwer abzuschätzen bzw. müssen die zuständigen Mitarbeitenden die Informationen bei den Herstellern anfragen. Dieser Prozess bindet erhebliche personelle und zeitliche Ressourcen.
Zudem fehlen einheitliche Standards. ISO-Normen wie DIN EN ISO 14040 und DIN EN ISO 14044 bieten zwar seit Längerem bereits Rahmenbedingungen und Anforderungen für die Ökobilanzierung. Aktuell gibt es jedoch keine Standards zur einheitlichen Berechnung von Daten und deren Verifikation für LCA von Medizinprodukten. Verschiedene Lebenszyklusanalysen zu ein und demselben Produkt können daher theoretisch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. Seit März 2025 befasst sich ein neu gegründeter DIN-Ausschuss NA 176-01-10 AA „Ökobilanzen für Medizinprodukte und Pharmaprodukte“ mit der Erarbeitung einer entsprechenden Norm. Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) rät, mit Abfragen von LCA-Daten bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse zu warten.
Eine entscheidende Grenze in der Nutzung von LCA liegt nicht zuletzt darin, dass längst nicht für alle Produkte eine Ökobilanz vorliegt. Dies dürfte sich allerdings aufgrund der steigenden Nachfrage durch Krankenhäuser in Zukunft ändern.
Steigende Bedeutung von LCA für Krankenhäuser
Die Nutzung von LCA ist für Krankenhäuser vor allem in zweierlei Hinsicht relevant. Für Kliniken, die nach der CSRD berichtspflichtig sind, kann der Einkauf von Medizinprodukten zu den wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen gehören. Ökobilanzen werden damit zu einem wichtigen Teil der Nachhaltigkeitsberichterstattung, auch wenn davon derzeit nur wenige Einrichtungen betroffen sind. Darüber hinaus sind Kliniken zunehmend auf externe Investoren angewiesen, für die Angaben zur Nachhaltigkeit eine Rolle spielen. Gemäß EmpCo-Richtlinie (Empowering Consumers Directive) müssen Nachhaltigkeitsaussagen zum Schutz vor Greenwashing nachgewiesen werden. Ökobilanzen sind hierfür ein probates Mittel. Bei alledem sollte jedoch nie aus dem Auge verloren werden, dass Patientensicherheit und Arbeitsschutz stets Vorrang vor Nachhaltigkeitsbestrebungen haben.




