Enormes Abfallaufkommen, Fehlabwürfe und Weiterbildungspflicht Arbeitsalltag der Abfallbeauftragten während Corona

Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen sind durch die Pandemie mit verschiedensten Herausforderungen konfrontiert (HRAUN, iStock)
Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen sind durch die Pandemie mit verschiedensten Herausforderungen konfrontiert (HRAUN, iStock)

Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen sind durch die Pandemie mit verschiedensten Herausforderungen konfrontiert – bis heute. Während der Corona-Wellen fiel vor allem auch dem Abfallmanagement eine besondere Rolle zu. Welche Aufgaben die Abfallbeauftragten zusammen mit den Entsorgern in kürzester Zeit bewältigen mussten und wie sich Klinikalltag und Arbeitsleben durch COVID-19 verändert haben, fragten wir Abfall- und Umweltbeauftragte verschiedener Kliniken und andere Branchenvertreter. Ein Überblick.

Zu Beginn der Pandemie stand der Beschaffungsengpass von zusätzlich benötigter Schutzkleidung und Masken, insbesondere für medizinisches Personal, im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Doch die Krankenhäuser sahen sich noch vor vielen weiteren Problemen. Materialien mussten nicht nur beschafft, sondern auch wieder entsorgt werden. Zu Beginn war das Virus gänzlich unbekannt und nicht klar, wie gefährlich die Materialien aus der Patientenversorgung mit an COVID-19 erkrankten Patienten für das weitere Infektionsgeschehen sind. Zudem beklagten Kliniken, es hätte Schwierigkeiten gegeben, die großen Mengen an als infektiös eingestuftem Abfall gekühlt bis zur Abholung zu lagern. Einige Entsorger hatten darüber hinaus Probleme mit den erhöhten Abfallmengen und deren Abholung. Auch die Sonderabfallbehälter für infektiöse Abfälle wurden mit der Zeit knapp, da sich einige Kliniken bevorrateten.

Krankenhäuser wie auch Entsorger gelangten zeitweise an ihre Grenzen. So berichtet Felix Krämer, Umwelt- und Abfallbeauftragter des Klinikums Region Hannover, dass das Problem insbesondere zu der Zeit bestand, als sämtlicher Abfall, der bei der Behandlung von Corona-Patienten anfiel, als infektiös behandelt werden musste. Erst nachdem das Robert Koch-Institut (RKI) seine Empfehlung angepasst und Aufsichtsbehörden als auch Fachgesellschaften nach intensivem Austausch diese Empfehlung übernahmen, hätte sich die Situation entspannt. „Allerdings dauerte es noch bis in die zweite Welle hinein, bis die großen Mengen Abfall abtransportiert waren“, ergänzt Krämer.

Weniger Behandlungen, konstantes Abfallaufkommen

Zwar seien durch die Corona-bedingten Veränderungen die Patientenbehandlungen in den Kliniken gesunken, gibt Hans Peter Kiefler vom Universitätsklinikum Düsseldorf zu bedenken, dennoch: „Die Menge an AS 180104 und AS 180103 ist konstant geblieben“, so Kiefler. „Dadurch ist ersichtlich, dass die Corona-Patientenbehandlung, vor allem auf den Intensivstationen, sehr viel Aufwand für die Krankenhäuser bedeutet.“ Kiefler erläutert, dass Teamtrennungen und externe Arbeiten zu neuen Strukturen der Logistik, Pflege und Verwaltung führten. „Die Mitarbeiter haben ein sehr hohes Arbeitspensum bewältigt.“

Hinzugekommen sei, dass vor allem im Frühjahr 2020 die Entsorger flächendeckend in der EU mit einigen Schwierigkeiten, z. B. fehlendem Personal, Mangel an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln, zu kämpfen gehabt hätten. Dies betraf nach eigenen Aussagen aber nicht das Universitätsklinikum Düsseldorf, das vorsorglich immer einen großen Vorrat an Schutzkleidung und Desinfektionsmittel vorhält. Auch der erhöhten Nachfrage an medizinischen Sonderabfallbehältern, die im Normalfall einen geringen Anteil des Abfallaufkommen in Krankenhäusern ausmachen, hätte man kurzfristig nicht ausreichend nachkommen können.

Durch Schließung von Fabriken oder Gastronomiebetrieben und damit wegfallenden Abfallmengen verschob sich das Abfallaufkommen insgesamt vom öffentlichen in den privaten Bereich mit, vielerorts verpflichtendem Homeoffice oder Quarantäne-Situationen. So wurden die Entsorgungsempfehlungen auf an COVID-19 erkrankten Menschen im häuslichen Bereich ausgeweitet – etwa für Taschentücher, Masken, aber auch für Wertstoffe, Verpackungen und Biomüll. Diese sollten in fest verknoteten Beuteln separat gesammelt und in der Restmülltonne entsorgt werden. Wertstoffe wie Altpapier, Glas oder Metalle mussten in dieser Zeit im Haushalt aufbewahrt und erst nach der Quarantänezeit getrennt entsorgt werden, um enthaltene Wertstoffe wieder in den Kreislauf zurückzuführen und dort Engpässe zu vermeiden.

Unentdeckte Fehlabwürfe, mehr Verpackungsabfälle

Nicht nur die Verteilung medizinischer Abfallarten veränderte sich in den Kliniken durch die verordneten Corona-Schutzmaßnahmen. Stefan Botta, Abfallbeauftragter des AWO Psychatriezentrums Königslutter, berichtet, dass sich durch verstärktes Homeoffice speziell in der Verwaltung die gängigen Büroabfälle verringert haben. „Durch die Schließung der Kantine beobachte ich allerdings eine Zunahme der Verpackungsabfälle.“ Dies sei leider ein branchenübergreifender Trend, bemängelt Botta. Corona habe ausgewählte Abfallfraktionen wie Verpackungsabfälle um ein Vielfaches erhöht.

Botta fügt hinzu, dass Abfallbeauftragte durch die angepassten Arbeitsbedingungen auch Einschränkungen erfahren mussten. Zwar hätte sich vieles, wie etwa ein Vorort-Meeting oder eine Dienstreise, mithilfe virtueller Mittel aufrecht erhalten lassen, was viele Unternehmen bewogen hätte, einige der Maßnahmen über die Pandemie hinaus beizubehalten, doch insbesondere bei den Aufgaben eines Abfallbeauftragten sei es eher zu massiven Einschränkungen gekommen. So konnten zeitweise die sonst üblichen, regelmäßigen Stations- und Bereichsbegehungen nicht durchgeführt werden. „Somit kann ich Fehlerquellen vor Ort nicht erkennen und beheben“, so Botta.

Kulanz bei der Weiterbildung

Abfallbeauftragte sind nicht nur immens wichtig für den reibungslosen Entsorgungsablauf – in Krankenhäusern sind sie sogar Pflicht. Kevin Kelzenberg ist Ausbildungsleiter bei der EONOVA und hatte während der Corona-Pandemie alle Hände voll zu tun: „Unsere Seminare sind zur Vermittlung der Fachkunde nach § 9 und Anlage 1 der Abfallbeauftragtenverordnung zugelassen. Obwohl wir das bereits seit 20 Jahren anbieten, mussten wir alles auf Online-Seminare umstellen und die Abfallbeauftragten mit ins Boot holen.“ Die angebotene technische Unterstützung sei dabei gut angenommen worden und die telefonischen Beratungen, die generell möglich sind, wurden vermehrt genutzt. „Die Fragen drehten sich insbesondere um die korrekte Entsorgung von Corona-Abfällen, da herrschte Unsicherheit, ob diese nun als B- oder C-Abfall entsorgt werden müssen“, sagt Kelzenberg. Auch habe es Rückfragen zu Desinfektionsmitteln gegeben, die überall vermehrt zum Einsatz kamen. Durch die veränderten und eingeschränkten Möglichkeiten an Weiterbildungen teilzunehmen, die für Abfallbeauftragte in regelmäßigen Abständen obligatorisch sind, ließ man während der Pandemie im Hinblick auf die geltende Fortbildungspflicht Kulanz walten, sodass Aufschübe möglich waren.

Verstärkte Digitalisierung und innovative Schulungskonzepte

Nicht nur bei externen Weiterbildungsangeboten, sondern auch bei internen Schulungen in Kliniken spielte während der letzten 1,5 Jahre die beschleunigte Digitalisierung eine wichtige Rolle. Tobias Eder, Projektmanager im Asklepios Klinikum Bad Abbach bewertet diese Entwicklung trotz einer sehr fortschrittlichen IT-Infrastruktur in seinem Haus als positiven Effekt und „neuen Aufschwung“: In dieser Zeit wurde trotz aller Widrigkeiten ein neues KIS-System am Standort eingeführt und aufgrund der Schutzvorkehrungen nach dem Prinzip „KeyUser – EndUser“ geschult. Das bedeutet, dass eine kleine Gruppe ihr erlerntes Wissen an eine andere kleine Gruppe weitergibt. „Damit haben wir übrigens eine Schulungsquote von 92% der gesamten Belegschaft erzielt“, so Tobias Eder über den Erfolg dieser Maßnahme.

Corona-Maßnahmen über die Pandemie hinaus sinnvoll

Viele Maßnahmen und Veränderungen der Arbeitsabläufe wurden aus der Not des Ausnahmezustandes heraus geboren. Da sie oft sogar Verbesserungen bewirkten, soll diese „neue Normalität“ vielerorts auch über die Pandemie hinaus im Krankenhausalltag beibehalten werden. Dies gilt vor allem für Maßnahmen zur Patientensteuerung, Personalplanung und Kommunikation. So wurden etwa Intensivstationen in Erwartung auf Engpässe massiv aufgestockt und Maßnahmen implementiert, die beispielsweise interdisziplinäre Teams effektiver arbeiten lassen können. Auch Isoliermöglichkeiten in der Notaufnahme wurden häufig optimiert.

Erfreulich ist auch, dass das Thema Nachhaltigkeit trotz aller Corona-bedingten Zusatzaufgaben in den Kliniken weiterhin Fahrt aufnimmt: In einigen Häusern wurden Klimamanager ausgebildet oder Arbeitsgruppen berufen, die sich mit Umweltschutz, Abfallvermeidung und alternativen Energiekonzepten auch weiterhin beschäftigen. Über die erreichten Meilensteine des seit Mai 2019 laufenden Projekts „Klik Green“ mit 250 teilnehmenden Kliniken und Reha-Einrichtungen wurde hier bereits berichtet. Es schließt an ein erfolgreiches Vorgängerprojekt an, in dem 50 Gesundheitseinrichtungen von 2014 bis 2016 mehr als 34.000 Tonnen CO2 und neun Millionen Euro Betriebskosten einsparen konnten.

Viele Arbeitsprozesse konnten zudem in den digitalen Bereich übertragen werden, z. B. Online-Kongresse und themenbezogene Webinare. Tägliche Kommunikationsstrukturen wie Krisenstäbe, Arbeitsgruppen, Videokonferenzen oder regelmäßige Newsletter können auch in Zukunft helfen, Abläufe in Krankenhäusern einfacher, effektiver und interdisziplinärer zu gestalten.

Quellen

Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen sind durch die Pandemie mit verschiedensten Herausforderungen konfrontiert (HRAUN, iStock)
Krankenhäuser, Pflegeheime, Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen sind durch die Pandemie mit verschiedensten Herausforderungen konfrontiert (HRAUN, iStock)